Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, dieser aber ließ ihr gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, und fuhr zu dem Friedensrichter gewendet, fort:
»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber hier in derselben Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie uns eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches Schreibmaterial, so möchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knüpfen, mir die Verse langsam vorzusagen, daß ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben könnte.«
»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht, mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte der kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit seine Taschen auskramte und in wenigen Secunden eine große Brieftafel, ein kleines Pennal und die eben wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte, was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben rückte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und jede Vorbereitung traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich selbst niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine überdieß schon so schwache Augen bei dem düstern Scheine des flackernden Talglichtes anstrenge.«
»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, »lassen Sie mich einmal meine, wenn auch von der Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenüber an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genuß des Vortrags und brauchen nicht müßig zuzusehen.«
Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die zusammengefalteten Hände fest, fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurückdrängen wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt und blickte starr und mit halb geöffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige Mädchen, hatte die fürchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht ertragen können und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den Kopf in der Schürze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte.
Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem Friedensrichter – während dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm – lauter tolles Zeug, erzählte ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliablätter geschrieben und in Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, als er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters überwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wünschte, das weiße Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrückend:
»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«
Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung so gewaltig, daß die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und heimlich vor sich nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurückgelehnt, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf die Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig der Decke und einer Anzahl dort aufgehangener geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit monotoner, singender Stimme begann:
»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,
Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«