Saise drückte der Herrin Hand und schaute ihr wenige Secunden lang wehmüthig lächelnd in die klaren treuherzigen Augen, dann aber fiel ihr Blick auf das kleine, die Hängematte wiegende Negermädchen und Gabriele, den Wink verstehend, sagte:
»Geh hinunter, Piccaninny[2], und zähle die Küchelchen, die im Hof herumlaufen; komm aber nicht wieder, bis Du mir genau sagen kannst, wie viel es sind«.
[2]: Piccaninny, ein afrikanischer Ausdruck und gewöhnlich für alles das gebraucht, was klein und niedlich ist.
Das kleine runde Dingelchen zog den breiten Mund zu einem freundlichen Grinsen auseinander und sprang schnell durch den schmalen Eingang die Treppe hinab, den Befehl ihrer »Missus« auszuführen. Lächelnd sah ihr Gabriele einen Augenblick nach, dann aber, sich theilnehmend zur Gespielin wendend, sagte sie herzlich:
»Siehst Du – das Kind ist fort, nun erzähle mir aber auch offen, was Dich drückt – gewiß kann ich Dir helfen.«
»Du sollst Alles erfahren,« flüsterte Saise, »vielleicht ist es überdieß besser, daß Du es weißt, denn wenn« – sie schwieg plötzlich und barg schaudernd ihr Antlitz in den Händen.
»Aber was ist Dir, um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich nie gesehen.«
»So höre denn,« sagte, sich fassend, die Indianerin, »mit wenig Worten kann ich dir Alles vertrauen; ich habe, wenn auch noch jung, doch schon Entsetzliches erduldet. Ich bin die einzige Tochter eines Riccareehäuptlings, und ein kleiner Theil unseres Stammes – deine Brüder vertilgten fast unsere ganze Nation von der Erde – hatte sich dicht unter den Osagen, zwischen diesen und den Cherokesen niedergelassen. Mein Vater war ein Freund der Weißen – er sah, daß das Wild selten wurde, und fühlte, wie uns die bleichen Gesichter an Klugheit und Kunstfertigkeit überlegen waren; er glaubte aber auch die einzige Sicherheit für die schwachen Ueberreste der Seinigen nur darin finden zu können, daß sich diese den Sitten und Gebräuchen ihrer Sieger anschlössen, den Acker bebauten und ein Volk mit jenen machten. Deshalb war jeder Weiße in unserer Hütte willkommen, und er benahm sich freundlich gegen Alle. Nur einmal erwachte in ihm der alte, fast erstorbene Geist des Kriegers wieder, als einst ein Weißer, ein rauher, unfreundlicher Mann, herzlich von uns aufgenommen, frech und zudringlich gegen mich wurde und zuletzt behauptete, ich dürfe gar nicht so spröde thun, denn ich sei ja doch nur, wie mein Haar auch klar genug beweise ein kleiner – Nigger.«
»Hätte ein Pfeil meinen Vater getroffen, er wäre nicht schneller von seinem Sitze aufgesprungen. Er war Einer der ersten Krieger seines Stammes und meine Mutter die Tochter eines Sioux-Häuptlings gewesen, die er einst bei einem Ueberfall geraubt, liebgewonnen und zum Weibe genommen hatte; um so entsetzlicher traf daher dieses Wort seinen Stolz, und von Wuth und Ingrimm getrieben, riß er den Tomahawk von der Wand und schleuderte ihn nach dem Haupt des – Gastes.«
»Der weiße Mann stürzte besinnungslos nieder, aber in demselben Augenblick ergriff auch meinen Vater mit peinlichem Schmerz der Gedanke, das Gastrecht verletzt zu haben. Er sprang auf den Niedergestürzten zu, untersuchte die Wunde und wartete und pflegte ihn nun wie einen Sohn, bis er sich wieder erholt hatte und unsere Ansiedlung verlassen konnte.«