»Du bist unausstehlich heute, Witte!«
Der Staatsanwalt seufzte recht aus tiefster Brust und sagte kein Wort weiter. Eher hätte sich seine Frau, das wußte er gut genug, die Zunge abgebissen, ehe sie eingestand, daß sie Unrecht gehabt; aber möglich ja doch, daß die Warnung Wurzel in dem Herzen der Tochter schlug. Er konnte nichts weiter dabei thun und ging wieder in sein Arbeitszimmer hinüber, um dort die Familie Baumann zu erwarten.
Baumann war auch schon unterwegs. Er selber ging voran, die Frau hinter ihm her und hatte fast krampfhaft das Handgelenk der Kleinen mit ihren dünnen Fingern umschlossen. Sie trug ein einfach dunkelblaues Kattunkleid ohne Crinoline, ein weißes Tuch um den Hals und eine weiße Haube auf und ging mit niedergeschlagenen Augen den ganzen Weg. Sie wußte ja recht gut, daß sie von allen Menschen angesehen wurde, wußte auch, weshalb, und Scham und Schmerz drückten sie fast zu Boden nieder.
Jetzt hatten sie das Haus des Staatsanwalts erreicht, ohne unterwegs auch nur Eine Silbe mit einander zu sprechen. Der Mann ging vorauf, langsam und finster, die Frau folgte ihm mit dem Kinde; aber sie hatte es auf und in den Arm genommen und bedeckte es hinter dem Rücken des Gatten mit ihren Küssen – es waren vielleicht die letzten, die sie ihm ja im Leben gab. An der Thür klopfte er an und trat ein; die Frau schritt hinter ihm her, als ob sie zur Richtbank geführt würde.
»So, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, als sie durch die Schreiberstube hindurch das hintere Zimmer betreten hatten, »hier ist die Frau, und die Else haben wir auch mitgebracht; und nun seien Sie so gut und reden Sie mit ihr, daß wir mit der Geschichte zu Stande kommen – ich habe das ewige Hin- und Herzerren satt.«
Der Mann sah mürrisch aus, die Frau still und ergeben in Alles, was man über sie verfügen würde.
»Nun, liebe Frau,« begann Witte – »bitte, nehmen Sie sich den Stuhl, denn Sie scheinen müde zu sein und wir werden vielleicht nicht sogleich fertig –, die Hauptsache ist, ob Sie in die Trennung von Ihrem Mann gewilligt haben, denn ich glaube, daß in diesem Fall das Gericht das von Ihnen verübte Vergehen als hinlänglichen Scheidungsgrund ansehen würde.«
»Ja,« sagte die Frau leise, ohne die Augen vom Boden zu nehmen, »mein Mann hat seit dem Unglückstag einen Haß auf mich geworfen, und er würde nie wieder glücklich mit mir leben können. Ich will nicht an seinem Unglück schuld sein; er ist gut und brav und muß für die Kinder sorgen.«
»Sie sind also auch mit dem zufrieden, was er Ihnen, wenn er fort geht, zu Ihrem Lebensunterhalt läßt?«
»Ich brauche es nicht Alles – ich werde sehr eingeschränkt leben – ich brauche für mich nur sehr wenig und gehe auch jedenfalls, wenn mich Jemand aufnehmen will, wieder in Dienst – vielleicht als Warte- oder Krankenfrau.«