»Ist das wahr, Herr Baron?« fragte das junge Mädchen noch einmal und schlug den Blick jetzt scheu zu Boden.

»Nein, Kathinka,« sagte Bruno herzlich, »das ist nicht wahr. Fritz Baumann ist allerdings durch zufällige Umstände in den Verdacht gekommen, bei jener dunkeln That betheiligt gewesen zu sein, aber der wirkliche Mörder jetzt entdeckt, und wie ich noch heute Morgen hörte, so hat er ein volles Geständniß über seine That abgelegt, nach dem Baumann entweder schon freigelassen ist oder jedenfalls in der allernächsten Zeit freigelassen wird. Er hat mit der Sache nicht allein nichts zu thun gehabt, sondern sogar, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch sein plötzliches Erscheinen den Dieb verjagt und verhindert, den alten Mann völlig umzubringen.«

»Gott sei Dank!« flüsterte Kathinka leise. »Es würde mir recht weh gethan haben, so Böses von ihm zu glauben – auch Ihnen dank' ich für das gute Wort!«

Bruno wollte noch etwas erwiedern, aber der Tante keifende Stimme rief sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie über den Hof hinüber nach dem Schlosse zu.

Bruno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam zum Thor hinaus. Wozu nur das ewige Schelten und Keifen – wozu der ewige, unausgesetzte Unfriede daheim, der Jedem das Haus zu einer Hölle machte?

Dicht vor dem Thor, und noch mit seinen trüben Gedanken beschäftigt, begegnete er dem Staatsanwalt Witte, der eben in das Schloß wollte. Der Staatsanwalt fuhr in einem Einspänner und ließ halten, so daß Bruno sah, er wünsche ihn zu sprechen. Er zügelte deshalb sein Pferd ein und ritt an das kleine Fuhrwerk heran.

»Ach, lieber Baron,« sagte Witte nach der ersten Begrüßung, und es kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei – »ist Ihr Herr Vater wohl zu Hause und könnte ich ihn sprechen?«

»Mein Vater ist allerdings zu Hause,« seufzte Bruno, dessen Gedanken rasch wieder abgeleitet wurden, »aber ich glaube kaum, daß Sie ihn sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen können, wenn Sie zu dem Zweck herausgekommen sind.«

»Ist er krank?«

»Nein; er befindet sich körperlich wohl, aber geistig so niedergedrückt, daß er an nichts Antheil nimmt und besonders auf keine Frage antwortet. Ich fürchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird einer langen Zeit der Ruhe bedürfen, bis er sich wieder vollständig erholt. Ich würde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht über Geschäfte mit ihm zu reden.«