»Leb' wohl, Gottfried,« sagte sie leise und streckte ihm die Hand entgegen.
»Leb' wohl!« sagte Baumann, ohne sie anzusehen, drehte sich ab und schritt wieder in die Stube zurück.
Seine Frau wagte nicht ihm dahin zu folgen. Karl war vorgesprungen und wollte jetzt wissen, was sie habe, weshalb sie Abschied nähme. Sie küßte ihm das rußige, ehrliche Gesicht, hob noch einmal die kleine Else auf, die sich an sie hing und nicht von ihr lassen wollte, riß sich los und eilte mit raschen Schritten auf die Straße hinaus und dem Polizeigebäude zu, in dessen düsterem Thore sie verschwand. – –
Der Staatsanwalt Witte befand sich an dem Tag in einer sehr unbehaglichen Stimmung, denn er hatte etwas unternommen, von dem er noch nicht recht klar sah, wie er es ausführen sollte. Wenn er sich auch bewußt war, nur seine Pflicht dabei zu thun, und ihn gesetzlich – der Fall mochte entschieden werden, wie er wollte – nicht die geringste Verantwortlichkeit treffen konnte, so täuschte er sich auch nicht einen Moment über das Aufsehen, das derselbe, besonders in den höheren Schichten der Gesellschaft, erwecken würde, und er wußte dabei recht gut, daß Alles für ihn nur von dem Erfolg dabei abhänge, denn nach dem Erfolg allein urtheilt die Welt. Fiel er mit seiner Klage durch, so konnte er sich erstlich darauf verlassen, daß Fräulein von Wendelsheim Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, um sich an denen zu rächen, die es gewagt hatten, ihr entgegenzutreten. Aber das nicht allein: es mußte ihm auch wesentlich in seinem Rufe als Staatsanwalt schaden, zu einer dann als Schwindelei hingestellten Geschichte die Hand geboten zu haben, und dagegen half ihm nicht einmal der gute Name, den er bis jetzt als redlicher Mann in der Stadt hatte. Er kannte die Welt dafür viel zu genau.
Aber es ließ sich nicht mehr ändern; der Stein rollte, und durch seinen heutigen Besuch bei Fräulein von Wendelsheim hatte er überdies dem Faß den Boden ausgestoßen. Jetzt kämpfte er so gut für sich selber, als für die Rechte des wirklichen und leiblichen Wendelsheim'schen Erben, und wußte überdies die gute Sache auf seiner Seite – freilich noch immer nicht genug gegen zwei böse Weiber, so lange diese einig waren. Wenn man sie nur hätte entzweien können – aber wie?
Einer seiner Schreiber steckte den Kopf in die Thür und meldete einen Besuch.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für Niemanden heute zu sprechen bin?« fragte Witte scharf.
»Es ist der junge Baumann; er behauptet, er müßte Sie sprechen, und zwar in einer wichtigen Angelegenheit.«
»Der junge Baumann, hm – lassen Sie ihn hereinkommen. Der kann mir nachdenken helfen,« brummte er halblaut vor sich hin.
Fritz trat ein; er sah erschöpft und bleich aus. »Herr Staatsanwalt,« sagte er, »nach meinem letzten Hiersein hatte ich geglaubt, Ihre Schwelle nicht wieder betreten zu dürfen; aber die Verhältnisse zwingen mich dazu.«