Und hatte dieser Staatsanwalt, den sie haßte – haßte wie nur ein Weib hassen kann, nicht recht, wenn er sagte, daß sie doch für das Zuchthaus reif sei, mochte geschehen, was da wolle? Daß sie sich an den Diebstählen betheiligt, war nicht mehr abzuleugnen – die gefundenen Gegenstände zeugten klar genug gegen sie –, und was dann? Sie wurde eingesperrt und mußte Wolle spinnen, und wenn sie endlich wieder frei kam, wiesen die Kinder mit Fingern auf sie und schrieen: »Die – die kommt aus dem Zuchthaus, die hat gestohlen!« Und das Fräulein von Wendelsheim indessen fuhr in ihrer Kutsche vornehm an die Polizei heran, und die Leute, welche sie mit Verachtung behandelten, machten ihr eine Verbeugung. – Und für wen hatte sie Alles gethan? Für sich allein, für die lumpigen paar Tausend Thaler etwa? Und zeigte sich ihr jetzt auch nur Einer von Allen als Freund? Ihre eigene Schwester verrieth sie – der Schlosserssohn, den sie zum Baron gemacht, kannte er sie etwa nur, wenn er ihr in der Straße begegnete – und das gnädige Fräulein...? – Sie versank in dumpfes, grimmiges Brüten und hielt dabei die dünne Unterlippe fest und unerbittlich zwischen ihren Zähnen eingeklemmt. Draußen war Alles ruhig, sie hörte keinen Ton eine lange Zeit. Jetzt wurde eine Thür geöffnet und gleich darauf eine Stimme laut, deren scharfen Ausdruck sie nur zu gut kannte – es war die des Fräuleins von Wendelsheim – und war die besser, als sie? Ja, abgewälzt hatte sie Alles von sich und auf die arme, selige Baronin geschoben, die eher ihr eigenes Leben als ihr Kind geopfert hätte – und der Baron verrückt geworden? – Sie schauderte zusammen, wenn sie sich die Möglichkeit dachte, denn das sah aus wie Gottes Strafgericht. – Und hier der öde Raum, die vergitterten Fenster, die Verachtung, mit der sie von allen Menschen behandelt wurde! Die Brust wurde ihr so eng, sie konnte kaum Athem holen und sprang wieder von dem Stuhl empor. Jetzt plötzlich horchte sie hoch auf – draußen hörte sie ihren Namen nennen, und wie ein Schatten glitt sie nach der Thür, an die sie ihr Ohr preßte.
Das gnädige Fräulein war außerordentlich pünktlich und eigentlich noch acht Minuten vor ihrer Zeit, aber auch mit schlecht verbissenem Ingrimm eingetroffen, weil man gewagt hatte, ihr die Einladung auf das Criminalamt auf einem der gewöhnlichen gedruckten Bogen, wie für gemeine Verbrecher, zu senden. Der mußte denn natürlich den Leuten auf dem Hofe in die Hände fallen, und schon darüber erbost, konnte sich ihre Laune durch das lange Warten natürlich nicht verbessern.
»Was will man von mir?« fragte sie einen alten Polizeidiener, der auf einem hohen Sessel an einem Stehpult saß und eine Liste vor sich hatte.
Der Mann zuckte nur die Achseln, deutete auf die eine Thür und meinte, sie würde es da drin schon erfahren.
»Und weshalb werde ich nicht vorgelassen?«
»'s ist noch Jemand drin,« sagte der Polizeibeamte, ohne sie anzusehen. »Hier geht Alles nach der Reihe. Wenn Sie dran kommen sollen, wird geklingelt.«
Jetzt wurde die Thür aufgemacht und der Actuar rief heraus: »Fräulein von Wendelsheim in Nr. 17!«
»Was?« schrie das gnädige Fräulein, in jähem Schreck emporfahrend, und wurde in dem Moment todtenbleich. »Man will mich doch nicht einkerkern?«
»Ne,« lachte der alte Polizeidiener gutmüthig, »noch nicht – die Nummer 17 ist nicht gemeint, die Thür da gerade vor, da sollen Sie hineingehen.« Und er deutete dabei mit der Hand auf die bezeichnete Nummer.
Das gnädige Fräulein holte tief Athem – die ganze Umgebung hatte doch einen unheimlichen Eindruck auf sie gemacht; sie war dadurch so ganz aus ihrer früheren Sphäre herausgerissen – es fürchtete sie hier Niemand, und selbst die untersten Diener behandelten sie mit einer Gleichgültigkeit, die sie empörte, die ihr aber auch imponirte.