»Ach, mein lieber Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie kommen wohl gerade von meinem Manne? Geschäftssachen – immer Geschäftssachen. Ja, wenn man bald ein so großes Vermögen übernimmt, giebt es allerdings viel zu thun. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick näher treten?«

»Sie sind unendlich gütig, gnädige Frau,« stammelte Bruno verlegen; »aber – ich bin gerade in großer Eile – die Post...«

»Ja, dann freilich will ich Sie nicht aufhalten.«

»Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer Fräulein Tochter!«

Die Frau neigte huldreich das Haupt, und Bruno war froh, als er sich gleich darauf wieder auf offener Straße und in frischer Luft fand.

Witte hatte selber keine Ruhe; es gab noch so Manches für ihn zu besorgen, daß es ihn nicht in seinen vier Wänden ließ. Durch die rasche Verbreitung des Gerüchts, deren Ursprung er sich immer noch nicht zu erklären wußte, war er auch in seinen Schritten mit der Schneiderswittwe gedrängt, damit sie nicht erst von anderer Seite aufmerksam gemacht und eingeschüchtert wurde. Er beschloß deshalb, augenblicklich zu ihr zu gehen und ihr Alles zu sagen; denn daß das Justiz-Ministerium eine zustimmende Antwort geben würde, verstand sich eigentlich von selbst.

Im Anfang fand er die Frau allerdings scheu und zurückhaltend. Sie schützte Gedächtnißschwäche vor; die Sache sei so lange her und sie habe in der Zeit so viel durchgemacht, daß sie sich auf Einzelheiten aus jenen Jahren gar nicht mehr erinnern könne. Witte sagte ihr darauf, es würde auch kein Mensch in sie dringen, aber sie möge sich in der Zeit besinnen. Komme das Schreiben zurück, das sie jeder Strafe oder Verantwortung über Vergangenes entbinde, dann versprach er ihr nur, falls sie getreu und wahr Alles berichten wolle, was sie noch wisse, eine namhafte Summe, mit der ihr Sohn hier, oder wo er wolle, ein Geschäft eröffnen könne. Außerdem dürfe sie sich versichert halten, daß er zu ihr stehen werde und sie seiner Protection gewiß sei. Komme ihre Freisprechung von jeder Verantwortung aber nicht, dann brauche sie ja kein Wort zu sagen und nur dabei zu bleiben, daß sie sich auf nichts mehr besinne, und es könne ihr eben so wenig etwas geschehen.

Nachdem er die Frau solcher Art, so gut es gehen wollte, beruhigt und auch ihren Sohn überzeugt hatte, daß er wirklich keinen Hinterhalt habe, sondern es ehrlich meine, schlenderte er, in Gedanken die Vorfälle der letzten Tage noch einmal recapitulirend, langsam um die Promenade herum; er hatte für den Moment kein bestimmtes Ziel und wollte nur allein mit sich selber sein.

»Ah, mein lieber Staatsanwalt,« sagte da plötzlich die bekannte Stimme des überall und nirgend herumfahrenden Frühbach, »so pensiv? Wissen Sie schon die Neuigkeit?«

»Ach, mein lieber Rath!« sagte Witte, ordentlich emporfahrend, denn er hatte sich eben in Gedanken ganz allein mit dieser nämlichen Persönlichkeit beschäftigt. »Wo kommen Sie auf einmal her?«