»Ich wollte nur einmal zum Major hinausgehen und mit ihm über die bewußte Sache sprechen.«
»Ah, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, eine Verbeugung nach einer ganz verkehrten Seite hin machend, »sehr angenehm!« Sie suchte dabei den Marktkorb zu verheimlichen, aber es ging nicht. »Hat Ihnen Männi schon erzählt?«
»Ja,« nickte Witte; »ich war auf's äußerste erstaunt.«
»Und Sie wußten von gar nichts? Merkwürdig! Weiß es denn Ihre Frau Gemahlin schon? Ich werde gleich nach Tische einmal zu ihr gehen. Aber mit dem Essen könnte es heute spät werden, Männi – lieber Gott, man trifft unterwegs so viele Bekannte; aber ich biege hier ab.« Und sich wieder wenigstens drei Strich aus der Linie verbeugend, nickte sie ihrem Manne zärtlich zu und – fegte weiter.
Witte hatte sich erst von dem Rath losmachen wollen; da er aber den Major als sein Ziel nannte, besann er sich eines Besseren. Er hatte doch für den Augenblick nichts Wichtiges vor und wollte sich das Vergnügen nicht entgehen lassen, Zeuge von der Ueberraschung des Majors zu sein. Frühbach sollte wenigstens den Genuß nicht allein haben. Mit der Voraussicht ließ er sich selber unterwegs Mittheilungen aus der Schweriner Chronik machen.
Im Hause des Majors sah es übrigens, als sie dasselbe erreichten, wahrhaft trostlos aus. Der alte Major selber saß in seinem Lehnstuhl, das eine Bein lang ausgestreckt und dick mit Tüchern verbunden und in eine wollene Decke eingeschnürt – Frau von Bleßheim lag, ihren Kopf unter Kreuzband, mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und tastete nur manchmal nach einer riesigen Schale mit Kamillenthee, die vor ihr auf einem zum Sopha gerückten Stuhl stand und mit ihrem unangenehmen Duft das ganze Zimmer erfüllte.
Aber auch die Liese hatte wieder Zahnschmerzen und winselte und erklärte, sie hielt's nun nimmer aus, und der Christian kam gerade mit einer großen Flasche Medicin, die er aus der Apotheke geholt, in's Zimmer gekrochen und kündete dem Major an, er müsse sich in's Bett legen, denn er hätte hinten am Kreuz eine große Beule, und die würde jetzt wohl aufgehen oder der ganze Knochen mit herauskommen.
»Gott soll mich bewahren, Major,« rief der Staatsanwalt, als er einen Blick in der Krankenstube umher geworfen hatte, »in Ihrem Lazareth sieht's ja schlimmer aus, als je! Wie, um des Himmels willen, halten Sie's nur aus?«
»Ich halt's auch nicht mehr aus,« stöhnte der Major, »jetzt ist's vorbei und am Ende. Hier am Bein kommt's mir immer weiter herauf, und so wie's in den Leib tritt, dann thut der Mensch noch ein paar Schnapper, und nachher ist Schicht – dann geht der lange Urlaub an.«
»Aber Sie sehen wohl aus – nicht wahr, Rath?«