»Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um mein Versprechen einzulösen?« rief Bruno und ging, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu.
Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: »Der Herr Baron hat nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel einzulösen; ich weiß von nichts Anderem?«
»Von nichts Anderem, Salomon? – und Rebekka?«
Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder; er sah auch heute bleich und eingefallen aus – oder machte das nur das halbe Dämmerlicht des düstern, gewölbeartigen Ladens? Endlich stand er langsam auf.
»Setzen Sie sich, Herr Baron,« sagte er ernst, aber nicht unfreundlich, »ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu Sohn – ich bin alt genug dazu, Gott weiß es, und Sie wissen, daß ich es immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen Rath gegeben die letzten Jahre – wollte der Herr, daß er gefallen wäre auf guten Boden!«
»Aber, bester alter Freund....!«
»Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, daß wir allein sind,« unterbrach ihn der alte Mann; »wir können auch keine Störung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schließen, Herr Baron – wie haißt Geschäft, wir Beide haben auch ein Geschäft mit einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch oder einen Pfeifenkopf verkaufe.«
Salomon ließ keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die Thür, schloß selber die eisenbeschlagenen Läden, verriegelte die eben so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen feierlichen und mit der größten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und begann ohne weitere Umschweife.
»So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und ich, weiter Niemand – braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen – und nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus – nicht meinen Laden, mein' ich, wo ich mache Geschäfte und verkehre mit aller Welt, nein, das eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses – auch nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind, meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die Tochter hat Sie gern gehabt – nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom Vater – und als Freund von sich. Sie haben mit ihr gemusicirt und gesungen – schöne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein böser Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spät. Jetzt ist er aufgewacht, und er muß mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht, nicht im Laden oder Geschäft, sondern im eigenen Hause.«
»Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher gekommen!« sagte Bruno.