»Doch, Salomon, doch,« rief Bruno; »mein Vater hat nie etwas gethan, um sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen – ich bin aufgezogen in meines Vaters Hause nicht wie der älteste Sohn vom Hause, nein, wie ein lästiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann. Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit gekommen, wo ich selbstständig in das Leben trete, und beim Himmel, ich will selbstständig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer, treuer Liebe an mir hängt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund, und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die Ausfertigung desselben in den nächsten Tagen erhalten. Dann bindet mich nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschäfte, die ich mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewährten Freund, überlassen kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte, öde Schloß bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg von hier ziehe ich, in ein fernes Land – nach Italien – aber nicht allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir – meine Rebekka. Gebt mir Euer Kind, Salomon – ich will es auf Händen tragen mein ganzes Leben lang – gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir vertraut zu haben!«

Der alte Mann saß schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf seinem Stuhle. Er antwortete nicht – er nickte nur still und traurig vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

»Ich hab' es mir gedacht – ich hab' es mir gedacht – junges Blut, junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere vornehme junge Damen sehen, die Sie hätten heirathen können und mit denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen wären, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit und härmt und grämt sich und sorgt sich ab – und der Vater, der das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und verwünscht, daß er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.«

»Gebt mir Euer Kind, Vater!« drängte Bruno. »Wollt Ihr es jetzt gewiß unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, daß es später einmal unglücklich werden könnte? Rebekka liebt mich – sie hängt mit ganzer Seele an mir, und ihr reiches Herz müßte brechen, wenn Ihr diese Liebe aus ihrer Brust reißen wolltet – gebt mir Eure Rebekka, Vater!«

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten Züge. Endlich flüsterte er leise:

»Er hat recht – ihr Herz würde brechen – es soll sein – es soll sein, der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen. Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Väter – Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet – er hat's selber gewollt – er hat's selber gewollt.«

»Salomon....«

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, daß deren Licht jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt erst – jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und während jetzt sogar ein Lächeln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes zuckte, sagte er: »Und der Baron will des Juden Tochter freien?«

»Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich werden und sie glücklich machen!«

»Jehovah hat's gewollt – ich kann's nicht hindern,« nickte der alte Mann – »dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das Mädchen selber. Sagt Sie Ja – der alte Salomon wird nicht sagen Nein – er hat es leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen wäre. Kommen Sie, daß wir der Sache ein Ende machen.«