»Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz bekommen.«

»Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und so jung schon sterben – sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.«

»Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber hätte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich sein würde, wenn ich ginge – sonst lieber trocken Brot unter Fremden essen,« setzte sie leise hinzu.

»Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht, denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken wieder krank gemacht.«

»Ich muß zum Hause zurück,« erwiederte Kathinka ausweichend. »Benno könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte sie den Gang hinab dem Schlosse zu.

Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht haben.

Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier, bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde, als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem Grund jämmerlich abprügelte.

»Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist das ein trostloser Platz hier – nicht einmal ein Hund kann sich da wohl fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei.

2.
Zwei Glückliche.

Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.