»Und doch fühlt er sich vielleicht vollkommen glücklich darin,« warf Melanie ein. »Wir dürfen andere nicht immer nach uns selber beurteilen. Eine andere Erziehung gibt dem Menschen doch auch sicher andere Ansichten über das Leben, und jeder hält die seinigen gewiß immer für die richtigen.«
»Sein Ernst widerspricht dem,« entgegnete Graf Geyerstein. »Eher glaub' ich, daß sich die Dame glücklich in ihrem Berufe oder – ihrer Kunst fühlt – wenn wir es so nennen wollen.«
»Es ist seine Frau?« sagte Melanie, leicht hingeworfen.
»Ich glaube wohl – ich weiß es nicht,« erwiderte der Graf. »Sie trägt, dem Zettel nach, wenigstens seinen Namen.«
»Der Zettel sagt Madame Bertrand.«
»Die Kleine kann aber kaum ihre Tochter sein; die Frau sieht dafür zu jugendlich aus. Wo sind Sie früher schon mit ihnen zusammengetroffen?«
»Ich?« fragte der Rittmeister, »so viel ich mich besinnen kann, habe ich die Gesellschaft heute zum ersten Male gesehen.«
»Sagten Sie mir nicht heute morgen, daß es eine alte Bekanntschaft sei?« fragte die Komtesse, und ihr Blick haftete dabei forschend auf den Zügen ihres Nachbars.
»Ich wüßte nicht, Komtesse,« erwiderte der Graf. »So viel ich mich entsinne, sprach ich von einer Aehnlichkeit, und das begegnet uns ja oft im Leben, daß uns die Züge eines sonst vollkommen fremden Menschen irgend eine Erinnerung aus früheren Zeiten wecken, so wenig er selber auch mit ihnen im Zusammenhange steht. Ist Ihnen das noch nie vorgekommen?«