»Ich glaube es nicht nur,« sagte zuversichtlich der alte Mann, »ich weiß es ganz gewiß. Stundenlang hab' ich schon draußen auf der Wiese bei den Störchen gesessen und mir von ihren Reisen erzählen lassen – stundenlang dem muntern, manchmal ein bißchen leichtfertigen Stieglitz zugehört, und was meine alte treue Amsel betrifft, die mir eigentlich die liebste ist von allen zusammen, so verstehen wir beide wohl jede Silbe, die wir miteinander reden.«
»Die Amsel ist Euch die liebste?« fragte Georg, der unwillkürlich Interesse an den Phantasien des alten Mannes nahm.
»Gewiß,« erwiderte dieser. »Die Amsel ist eines von den bescheidenen, anspruchslosen Wesen in der Welt, die trotz ihres eigenen Verdienstes, eben ihrer Zurückhaltung wegen, es doch nirgends zu etwas Ordentlichem bringen und stets zurückgesetzt und übersehen werden. Und wie treu hält sie bei uns in Frost und Kälte aus; wie bescheiden hüpft sie in ihrem anspruchslosen schwarzen Kleidchen einher, und was für eine lieblich grüne Stimme hat sie dabei!«
»Eine grüne Stimme?« fragte Georg, dem dieser Ausdruck neu war.
»Allerdings,« versicherte der alte Mann, »und zwar das ganz bestimmte junge Waldesgrün, wenn ihm der Frühling seinen ersten Saft gegeben – nicht ein Mischmasch von Farben, wie der Finke mit seinem Violett oder der Zeisig gar mit seinem schmutzig gelben Ton – ein reines, schönes, helles Grün, das mit seinem lieben Klange meine alten Ohren auch noch erfreut, wenn der Winter schon lange das wirkliche Grün von den Zweigen gefegt und seine weiße Schneedecke über den Wald gebreitet hat.«
»So beurteilt Ihr den Gesang der Vögel nach den Farben?«
»Gewiß tue ich das,« versicherte der Greis, »und nirgends zeigen sich mir die Farben deutlicher als eben im Gesange. Die Grasmücke singt rot, aber kein brennend schmerzendes Rot wie der Kanarienvogel, sondern sanft und doch leuchtend, wie ich nur einmal in meinem Leben am nördlichen gestirnten Himmel habe Strahlen schießen sehen. Die Nachtigall singt dunkelblau – dunkelblau wie der Nachthimmel selber, daß man die beiden kaum voneinander unterscheiden kann. Die Lerche singt jenes wundervolle Korngelb der reifen Aehren, das Rotschwänzchen ein allerliebstes bläuliches Grau, die Schwalbe weiß, der Nußhäer, der spöttische Gesell, ein tiefes Schwarz, ich mag den geschwätzigen hirnlosen Burschen auch deshalb nicht besonders leiden; die Drossel singt dunkelgrün, und fast alle Farben finden sich unter den Sängern des Waldes, alle, mit ihren leisesten Schattierungen – nur nicht hellblau. Kein Vogel, und das ist etwas, worüber ich schon oft und lange nachgedacht, singt hellblau, und nur ein einziges Mal, und zwar eine einzige Nacht, habe ich eine Nachtigall gehört, die hellblau sang, und das war das schönste Himmelblau, das man sich nur denken kann.«
»Und nie wieder hat sie gerade so gesungen?« fragte Georg, den, er wußte selber nicht weshalb, ein eigenes Gefühl der Teilnahme für den Greis beschlich.
»Nie wieder,« sagte der alte Mann leise, »es war ihr Sterbelied gewesen, denn am nächsten Morgen fand ich sie tot in demselben Busche – tot und unverletzt, und habe sie auch dort, wo ich sie fand, nachher begraben. Ich werde den Tag nie vergessen; es war derselbe Morgen, an dem die Kinder wieder von hier abreisten, und wie ich da drüben unter dem Busche bei dem toten Vogel saß, liefen mir die hellen Tränen die Backen herunter. Ich weiß aber wahrhaftig nicht, ob ich über den Vogel oder über die Kinder geweint habe, die ich – wenigstens beide zusammen – nicht wiedersehen sollte.«
Der alte Mann schwieg und sah still und traurig vor sich nieder, und auch Georg wagte im ersten Augenblick nicht die Stille zu unterbrechen. Von welchen Kindern sprach der Greis, und war es nicht etwa gar die eigene Jugend, die an das Herz dieses alten, starren Waldbewohners geklopft und die Erinnerung darin zurückgelassen hatte? – Er mußte darüber Gewißheit haben.