Georg hörte die Leute auf der Treppe, riß die Tür auf und sagte: »Den Burschen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus und das jedesmal, so oft er sich hier sollte sehen lassen. Schickt mir dann den Verwalter und den Vogt herauf.«

»Na komm, Tobias,« sagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere Umstände beim Kragen nehmend, »es hilft dir nichts, weder Strampeln noch Wehren. Der Herr Baron hat's einmal gesagt.«

»So?« schrie Tobias, aus allen seinen Himmeln geträumter Schätze etwas unsanft geweckt und über dieses keineswegs erwartete Resultat zugleich erstaunt, »so? ist das eine Behandlung – Herr Baron – wissen Sie – wenn ich will – so kann ich...« Alle seine weiteren Reden und Drohungen wurden durch die beiden handfesten Burschen unterbrochen, von denen der eine, als sie sahen, daß er nicht gutwillig gehen wollte, ihn unter den Armen packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und Tobias wurde, trotz seinem Grimm, der sich jetzt gegen die Knechte kehrte, ohne weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das Tor getragen, wo ihn die Leute ruhig absetzten und laufen ließen. Zwar sprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen, Kunstreitern und »Geheimnissen« heraus, die Knechte verstanden aber kein Wort davon, ließen ihn stehen und gingen an ihre Arbeit zurück.

Tobias wütete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof zurückzukehren, drohten ihm die beiden Burschen mit den Fäusten, und das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, sich einer weiteren Handgreiflichkeit auszusetzen, drehte er sich endlich um und taumelte, rücksichtslos um Weg und Steg, gerade über Wiese und Felder weg, ins Tal hinab.


Zu derselben Zeit, in welcher Tobias jenen verunglückten Versuch machte, von Herrn von Geyfeln entweder eine Summe Geldes oder noch lieber eine fortlaufende Unterstützung zu erpressen, saß Josefine mit ihrer Erzieherin, fleißig mit Lesen und Arbeiten beschäftigt, in ihrem Stübchen.

Josefine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da sich die Mutter fast gar nicht oder doch nur sehr selten oder oberflächlich um sie kümmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewiesen. In dieser aber hatte Georg einen glücklichen Fund getan, denn die junge Dame besaß nicht allein sehr wackere Kenntnisse, sondern auch ein gutes, für alles Schöne und Edle empfängliches Herz. Praktisch dabei in allem, was sie anfaßte, und bescheiden und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen, sicherte sie sich in ihrer schwierigen Stellung bald die Liebe des einen, sowie die Achtung des andern Teiles, und ging dazwischen ruhig ihre Bahn. Bald hatte Mademoiselle Adele auch den Charakter der Frau und Mutter durchschaut, mit der sie zusammen lebte, und Georgine besaß in der Tat keine Eigenschaften, die das stille, einfache Mädchen an sie hätten fesseln und zwischen beiden ein wirklich freundschaftliches Verhältnis entstehen lassen können. Vergnügungssüchtig und nur an sich selber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im Stillen wirkt und schafft, und selbst oft mit den bescheidensten Mitteln imstande ist, den Familienkreis zu einem Paradiese umzuschaffen. Wo aber hätte sie auch diese Eigenschaften sich erwerben, wo in ihrer ganzen früheren Lebensweise einen Sinn für Häuslichkeit gewinnen sollen? Ihre ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieses stille, zurückgezogene Leben nicht mehr in so dunklen Farben erschien und sie die Möglichkeit dachte, sich einst hineinzufinden, verdrängten die letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen. Noch zu keiner Zeit hatte sie sich dabei, so sehr sie Josefinen liebte, mit deren Erziehung beschäftigen können und mögen. Sie wußte gar nicht, wie sie es anfangen müsse, und konnte und wollte sich keine Mühe in dieser Hinsicht geben. Im Zirkus, ja, dort hätte Josefine keine bessere Lehrmeisterin haben können, als eben ihre Mutter, aber hier, zwischen den Büchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen sie wenig oder nichts verstand, fühlte sie sich fremd und überließ das bereitwillig und allein der Fremden.

Georg fand dieses Wesen seiner Gattin durch ihr früheres Leben, wenn auch nicht vollständig gerechtfertigt, doch wenigstens entschuldigt, und ertrug es eben um der Tochter willen; Mademoiselle Adele aber fühlte ihr Herz dadurch verletzt und wandte sich mit um so größerer Liebe dem jungen Mädchen zu, dem sie, wie sie recht gut einsah, die Mutter ersetzen mußte. Und das Kind selber kam ihr dabei mit vollem Herzen und inniger Liebe entgegen. Von früh an, ja, solange sie eigentlich denken konnte, an ein wildes, unstetes Leben gewöhnt, in dem sich das junge Herz nicht wohl fühlen, von rauhen Menschen umgeben, an die es sich nicht anschließen konnte, hatte es hier zum erstenmal eine Heimat und in seiner Erzieherin ein Wesen gefunden, das wirklich teil an ihm nahm und ihm mit mütterlicher Liebe ergeben war.

Wohl hatte es der kleinen Eitelkeit geschmeichelt, mit den mühsam erlernten Künsten im Zirkus draußen rauschenden Applaus einzuernten, aber mit heimlichem Neid sah Josefine dabei zugleich unter den geputzten Zuschauern die vielen anderen kleinen Mädchen, die von den Ihrigen gehegt und gepflegt und – nicht gezankt wurden, wenn sie eine Ungeschicklichkeit auf dem Pferde begangen. Das Kind auch fühlte, wenn es sich dessen selbst nicht klar bewußt wurde, ein Bedürfnis nach Pflege. Jene heilige Sympathie, die Mutter und Kind gegenseitig aneinander zieht, wenn sie auch in Georginens Herzen anderen, unheiligeren Empfindungen Raum geben mußte – war in Josefinens Brust ebensogut gepflanzt gewesen und nur die Zeit über verkümmert und niedergehalten worden. Jetzt aber, durch ihrer Erzieherin treue Pflege geweckt, entfaltete sie sich rasch und gewaltig, und bald hing das kleine Wesen mit unendlicher Liebe an der Pflegerin.

Georgine würde selber erschrocken sein, hätte sie einen Blick in dieses aufknospende Kinderherz tun können, in dem ihr Bild nicht mehr wie früher den vollen Raum erfüllte – aber sie hatte andere Dinge im Kopfe, als sich um die Einzelheiten, um die kleinlichen Anhängsel der Erziehung und Pflege ihrer Tochter zu kümmern. Daß sich diese täglich mehr heranbildete, sah sie wohl, und es erfüllte sie mit Freude; nur aber mit dem einen Ziel im Auge, Josefinen einst als einen Stern erster Größe an dem Himmel prangen zu sehen, der allein ihre eigene Welt bildete, dachte sie nicht daran, ob gerade die Nahrung, die das Kind jetzt für Herz und Geist empfing, ihm später dienlich werden könnte. Sie sah nur für sich und die Tochter die Lichtseite des Lebens, dem sie entgegenstrebte, und so blendete diese ihre Augen, daß sie für alles andere gleichgültig – blind wurde.