Zum Glück für die Ordnung in Schildheim – denn wer weiß, wie weit der einmal losgelassene Uebermut der Knaben sowohl wie des Alten gegangen wäre! – erschien in diesem Augenblick eine Person auf dem Schauplatze, die den Lärm plötzlich verstummen machte. – Auf seinem Rappen sprengte Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, um zu sehen, wie weit die Knechte mit ihrer Arbeit gekommen wären, unten in den Schwarm hinein, und sein Anruf erschreckte und bändigte zugleich die Schuljugend, die den Baron, als oberste Herrschaft im Orte, mit ganz besonderem Respekt betrachtete.

Aber auch der alte Mühler geriet, wie er nur den Kopf nach dem Geräusche des herangaloppierenden Pferdes gedreht hatte, fast unwillkürlich wieder in seine gewöhnlich ernsthafte Verbissenheit hinein, hielt sich steif und aufrecht, rückte sich rasch den verkehrt sitzenden Hut zurecht und gab dem ihm nächsten Jungen, der von dem Gutsherrn noch nichts gesehen hatte und eben zu einem frischen Purzelbaume ausholte, eine so gutgemeinte Ohrfeige, daß er ihn stolpernd bis über den Weg hinüberschickte.

Georg sprach kein Wort, weder zu den Kindern noch zu seinem Schwiegervater. Nur einen einzigen finstern Blick warf er dem Alten zu, dann aber, wie er sich aus dem Menschengedränge frei sah, fühlte sein Pferd Sporen und Peitsche, und in gestreckter Karriere flog es die Straße hin, dem ahnungslos vor ihm hergaloppierenden Karl nach. Dessen Pferd, wie es die raschen Hufschläge hinter sich hörte, wollte allerdings jetzt ebenfalls in ein rascheres Tempo fallen, aber sein junger Reiter, der den Nachfolgenden erkannte, griff ihm erschreckt in die Zügel. Dem Rappen hätte er auch nicht entfliehen können. In kaum zwei Minuten hatte er ihn eingeholt, und während Georg, der das Kunststück des Knaben von dem Ufer des Sees aus mit angesehen, jetzt dunkelrot vor Zorn im Antlitz, dicht neben ihm sein Tier parierte, hieb er dem zusammenzuckenden Knaben mit voller Wucht die Peitsche über die Schultern, daß dieser mit einem Angst- und Schmerzensschrei seitwärts von seinem Pferde hinunterflog und, was er laufen konnte, quer hin über die Wiese floh.

Georg aber sah sich nicht weiter nach ihm um. Das davonsprengende Pferd rasch einholend und am Zügel fassend, führte er es langsam dem jetzt nicht mehr fernen Gute zu und überließ den anderen, ihm zu folgen.

Zu Hause angelangt, nahm indessen ein wirtschaftliches und noch dazu unangenehmes Geschäft Georgs Aufmerksamkeit gleich so in Anspruch, daß er eine Zeitlang im Hofe aufgehalten wurde.

Ein Knecht hatte nämlich Hafer veruntreut, denselben den Pferden entzogen und verkauft, der Verwalter ihn aber auf der Tat ertappt, und der Schuldige mußte verhört und bestraft werden. Georg war auch heute nicht in der Stimmung, ihm das Vergehen nachzusehen. Der Bursche wollte allerdings seine Tat erst noch ableugnen und dann wenigstens beschönigen, aber es half ihm nichts. Sein Lohn wurde ihm ausgezahlt und er in derselben Stunde mit seiner Kiste, die er auf dem Rücken nach Schildheim hinunter tragen mußte, vom Hofe fortgejagt.

Zum Mittagessen, das bald nachher aufgetragen wurde, kam die ganze Familie zusammen. Selbst Karl hatte sich wieder eingefunden, denn er wußte, daß er nicht fehlen durfte. Der alte Mühler war aber vollkommen nüchtern geworden und blieb sehr kleinlaut, und kein Wort wurde über dem Essen von den Vorgängen des heutigen Tages erwähnt.

Georginen konnte übrigens nicht entgehen, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse. Als sie ihren Gatten deshalb fragte, schützte dieser allerdings die Angelegenheit mit dem Knechte vor, aber sie ließ sich nicht durch solche Ausrede täuschen; denn wenn das ihn auch verstimmen konnte, hatte es den nämlichen Einfluß doch nicht auch zu gleicher Zeit auf ihren Vater, wie alle übrigen, die gar nicht damit in Verbindung standen, ausgeübt. Da Georg indessen selber nichts weiter darüber äußerte, so vermutete sie, daß er mit ihr allein davon reden wolle, und schwieg ebenfalls, und die Mahlzeit verlief düster und lautlos.

Nach Tische verließ Georg die Tafel, ohne ihr das geringste zu sagen. Er ging mit dem Verwalter in sein Zimmer, das im andern Flügel lag, ihm das Geld für die heutige Ablohnung der Tagelöhner zu überliefern, und der Hauslehrer zog sich ebenfalls zurück, um nach Tische ungestört seine Zigarre zu rauchen. Nur die Gouvernante blieb noch zurück, und diese entfernte Georgine bald mit einem Auftrage.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, sah die Frau erst den Vater, dann Karl, der an den Nägeln kauend am Fenster stand, dann Josefinen an, und sagte endlich mit ernster, strenger Stimme, sich ihrer Herrschaft selbst über den Vater bewußt: »Was ist heute vorgefallen? – Ihr habt etwas, das ihr mir verbergt, und ich will es wissen. Was war es, Vater?«