»In der Tat?« erwiderte Melanie, aber so ruhig, als ob Fräulein von Zahbern ihr eben erzählt hätte, daß irgend eine Modehandlung in *** einen neuen Kleiderschnitt erhalten hätte. »Hat sich Madame Bertrand von ihrem Gatten scheiden lassen? dann dürfen wir bald einer Verlobungsanzeige in den Zeitungen entgegensehen.«
»Aber du bist gar nicht erstaunt darüber?« rief Fräulein von Zahbern, die eine stärkere Wirkung erwartet hatte.
»Und warum erstaunt? Graf Geyerstein ist sein eigener Herr und hat niemandem von uns Rechenschaft über seine Handlungen abzulegen. Wenn er mit seiner Familie wegen einer solchen Mesalliance übereinkommt, wen sonst dürfte und würde es kümmern?«
»Von einer Heirat ist vorderhand wohl noch keine Rede,« rief die junge Dame, die ihr, wie sie beabsichtigt, das Gift tropfenweise zumaß, »denn der Graf hat den Herrn Bertrand ebenfalls mit dort hingenommen, und er wie seine Schöne sind angeblich die Pachtersleute auf dem Gute. Eigentlich ist es ein wunderliches Verhältnis, in dem sich die beiden Herren da einander gegenüberstehen; aber dort in der Wildnis kann man sich über manches hinwegsetzen, und Monsieur Bertrand wird wohl schon seinen Nutzen dabei finden.«
»Herr von Zühbig hat sich wohl sehr auf seiner Reise amüsiert?«
»Außerordentlich, und eine Menge Fährlichkeiten dabei erlebt. Einmal brach ihm ein Rad, gerade in der Nähe des Baron Geyfeln, wie Monsieur Bertrand ja jetzt, ich weiß nicht, von wem geadelt, heißt, und er übernachtete dort. Uebrigens hat er mich gebeten, keinen Gebrauch davon zu machen; Baron Geyfeln hat ihn selber darum ersucht, hier in *** nichts davon zu erwähnen, daß er ihn gefunden hätte. – Doch Rosalie bleibt lange. Ist sie noch immer bei der Mama drüben?«
»Wahrscheinlich – sie wird später herüberkommen, um sich ankleiden zu lassen.«
»Dann werde ich doch lieber einmal zur Mama hinüber springen und auch gleich der lieben Exzellenz meinen Glückwunsch zu dem heutigen Tage bringen. Sie ist doch wohl?«
»Ganz wohl.«
»Und was stickst du da Schönes? – das ist ja ganz prachtvoll, ein reizendes Muster. Was wird denn das?«