Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und statt des fröhlichen Lächelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Züge belebte, trugen sie das deutlich auffallende Gepräge von Angst und Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der Mähne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie den Zirkus einigemal umritten hatte.

Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte glänzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwöhnt, zum Teil empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und fühlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher mit seiner kleinen Reiterin dahin, und während Josefine die früheren Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszuführen versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und Unsicherheit, in der sie sich befand.

Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort eingedrängten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade, als sie Georg wieder gegenüber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mußte, um nicht zu stürzen, vom Pferde springen.

Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch: »Nehmt doch de Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den Hanswursten soll hereinkommen!«

Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel; der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand, und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte. Georgine stand noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei – Josefine machte, als sie an ihr vorüber flog, eine bittende Bewegung und zeigte auf die Reifen, daß diese entfernt werden sollten. Wie sie vorüber kam, schüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.

Einige der Klowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als möglich zu erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das Zeichen, daß sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das Publikum ungeduldig; es wünschte diesen »Schulübungen«, wie einige meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.

»Spring!« rief sie dabei der Tochter zu, »du hast es ja tausendmal getan!«

Der Klown, der den ersten Reifen hielt, zog ihn nochmals zurück, denn er sah, daß Josefine nicht fertig wurde – den zweiten mußte sie aber beachten und kam glücklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mädchen einigen Mut machen zu können. – Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber sie gewann das Gleichgewicht wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge wieder und flog hindurch.

War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es ließ sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging, bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hängen – der Klown ließ ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe sie wieder festen Fuß fassen konnte, schnellte der elastische Reifen zwischen sie und den Sattel, und seitwärts abgedrückt, stürzte sie nach außen auf den Rand der Balustrade.

Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen. Josefine selber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr schon selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang sie in die Arena zurück, neigte sich beschämt gegen die lautlos zu ihr niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorüber, in den Gang.