»Wer? – der Fremde von Schildheim?« »Derselbe, den ich an der Eiche getroffen habe, und der dann am nächsten Tage mit in den Schlitten gestiegen ist.«

»Seid Ihr dessen ganz gewiß? – Ihr habt Euch heute so oft geirrt.«

»Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht der Rechte ist,« versicherte Barthold. »In dem irre ich mich aber nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen, und überdies hat er mich auch wiedererkannt.«

»Ihr glaubt wirklich?«

»Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich ein paarmal durch sein viereckiges Glas, das er sich vors Auge klebte, betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er obendrein.«

Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat Baron von Silberglanz, der, in der verdrießlichsten Laune von der Welt, dort am Tische saß und die Weinkarte musterte. Daß er allerdings dem, welchem er von allen am letzten zu begegnen wünschte, so unverhofft ins Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mußte das Gesicht in letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weiße Haar besonders machte ihn stutzig – doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf, der mit am Tische saß – auch dessen Gesicht war ihm bekannt – jetzt folgte ihm der alte Jäger, und die beiden sprachen da hinten miteinander – er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die Erinnerung an alle beide – kam ihm das Bewußtsein der Gefahr, in der er sich befand.

Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim – der andere Monsieur Bertrand – der Baron von Geyfeln – wo um Gottes willen hatte er seine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend möglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Erörterungen am liebsten aus dem Wege zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber überzeugte ihn auch rasch, daß er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, daß er aufstand, bewegte sich durch die, dort für ihn glücklicherweise gedrängt sitzenden Gäste der Tür zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte – sein Paletot hing dicht daneben – so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, daß er »Kavalier« sei, was er sonst selten vergaß. Sein einziger Gedanke war »Flucht«, und während er sich so wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäste machte, murmelte er leise und ängstlich vor sich hin: »O ja – weiter fehlte jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone aufzusetzen – weiter gar nichts! Daß mich der Teufel auch plagen muß, gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in den Weg...« Er streckte den Arm nach dem neben ihm hängenden Paletot aus; mit der Linken hatte er schon die Türklinke gefaßt, als er eine Hand auf seinem Arme fühlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner Seite sagte: »Auf ein Wort, mein Herr.«

»Ja – bitte recht sehr – guten Abend,« erwiderte Herr Silberglanz rasch und verlegen.

»Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort – vom Tische da drüben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.«

»Ich muß um Verzeihung bitten – ich bin in großer Eile.«