»Und Fräulein Franziska hättest du die Nachricht auch nicht so unvorbereitet mitteilen sollen.«

Der Blick, den die junge Dame in diesem Augenblick – vielleicht unbewußt, aber gewiß nicht unbeobachtet – auf die Frau Staatsrätin warf, hätte, wäre er ein Dolch gewesen, ihren unmittelbaren Tod zur Folge haben müssen. Lächelnd aber erwiderte sie: »Und warum nicht mir, gnädige Frau? Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß ich solches Interesse an jenem sibirischen Grafen nehme, wie – vielleicht manche andere »liebenswürdige« Damen dieser Stadt? – Aber, Herr von Zühbig, ich dächte, es wäre Zeit zum Theater, und ich möchte das heutige Stück um keinen Preis versäumen.«

»Parbleu! das gnädige Fräulein hat recht,« rief Herr von Zühbig, erschreckt nach seiner Uhr sehend, »in so angenehmer Gesellschaft hätte ich beinahe meine eigene Pflicht versäumt. Bitte, meine Herrschaften, lassen Sie sich ja nicht durch mich stören – aber ich muß fort.«

»Donnerwetter, Zühbig, es ist wohl Theaterzeit,« rief der alte General von Schoden vom Fenster aus, »warten Sie – wir gehen alle mit.«

»Aber, liebe Euphrosyne,« rief Frau von Zühbig, »Sie wollen doch nicht auch schon fort?«

»Wenn ihr Weiber hier noch einen Klatsch zusammen haben wollt, so habe ich nichts dagegen – du kannst noch da bleiben, Kind,« sagte der alte General.

»Papa, je vous prie!« rief das gnädige Fräulein, die Hände zusammenlegend.

Die Gesellschaft war aber einmal gestört, das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Herren sehnten sich auch hinaus in die freie Luft, ihre Zigarre zu rauchen – die Damen mußten noch Toilette zum Theater machen – die Wagen hielten außerdem schon großenteils vor der Tür, und eine Viertelstunde später saß Frau von Zühbig allein in ihre Sofaecke hineingeschmiegt, sah träumerisch vor sich hin, und ein eigenes Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie an ihre arme Freundin Franziska dachte.

Ende.

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