»Nie — und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte das Mädchen, schon in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend.
»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter — »es giebt auch viele Leute mit einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann, und die haben gar nichts Fürchterliches — nur manchmal werden sie gefährlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr auf ihn besinnen — er sprang später einmal aus dem Fenster und brach den Hals.«
»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn,« nahm hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgültig zu dem Sprechenden hinüberschaute — »von dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland fort, »der in seine Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade hinunterführen bis zu dem Misanthropen, und während der Eine selbst dem unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und muthig entgegen gehen würde, mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen erfüllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch geführt, schläft in ihm, nur ihm selber fühlbar, bis zu seinem Tode. Ich bin überzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter Lohe emporzubrennen.«
»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne Mädchen — »sage doch nicht so Entsetzliches — es wäre ja gräßlich, in jedem stillen Menschen einen angehenden Wahnsinnigen fürchten zu müssen — lachen Sie doch Don Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig schon jetzt eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle so still und ernsthaft da sitzen sehe.«
»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte aber der Spanier lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinüber bog, »er will mich von neulich in meiner eigenen Münze bezahlen — es hat überhaupt einen eigenen Reiz, sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzählt uns vielleicht ein wenig ausführlicher, wie es mit der Flucht des Verrückten zugegangen — hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann zu interessiren — und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he?« —
»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner — »man begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich war, aber der Tolle muß ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch toller gewesen, sie ihm zu glauben.«
Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas verlegen vor sich nieder — es war ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so gewissermaßen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte. Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben, daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar im schlimmsten Fall ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herüber, seinen Gefangenen zurückzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein schlechtes Licht und — die Hauptsache — in das Gerede der Müßigen, weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.
»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der Spanier wieder, ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn warnen wollte, zu weit zu gehen — »hat man nicht erfahren können, in welcher Art sie sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder getäuscht werden konnte? und war der Mann überhaupt wahnsinnig?« — Er bog sich plötzlich vor und schaute den Konsul mit seinen großen dunklen Augen erwartungsvoll an — »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen, ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben mußten.«
»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise lagen hier wohl zu klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten Person — es ist nicht gesagt weshalb — nach dem Leben trachtete, auch schon in seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so daß man allerdings nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene würde jenen wieder aufzufinden wissen.«
»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar lauernd.