Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Straße Santa Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen Mann zu besuchen, für den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung, ein unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann.

Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrüßte allerdings seine »neue Bekanntschaft,« wie er ihn nannte, auf das Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht hätte, als die gewöhnlichsten und alltäglichsten Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen.

Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als früher — er war erregt und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. — Stierna erkundigte sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, angab. Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern eine Art Annäherung gebildet — es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus seinem frühern Leben — ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen.

Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast, als ob er einen alten Freund begrüßte, und doch hatte Don Morelos auch im Anfang wieder etwas Zurückhaltendes — es war, als ob ihm etwas auf dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und doch den Muth dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies weniger, als daß er es fühlte, und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu gehen, nahm er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder zu sprechen, wenn er irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas erleichtern könne.

Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und schweigend an, dann aber schüttelte er leise und wehmüthig lächelnd mit dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich selber als zu dem Arzte redend:

»Es ist Alles vergebens — Sie würden mir doch nicht glauben, und — ich bin früher nach solchen Erklärungen nur härter behandelt worden — Rosas ist zu mächtig.«

Stierna sah ihn erstaunt an — diese Worte, ruhig und ohne die geringste Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert sich dieß entsetzlichste der menschlichen Leiden — der Irrsinn — wenn er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten Geist nur noch im Körper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller ungeregelter Bahn vorwärts zu treiben — was Wunder, daß sie manchmal auf kurze Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, wenn und wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt in das Leere.

Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend und kaum hörbar hinzu:

»Auch er!«

Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; das Gespräch war plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten wieder zurück? — Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gespräch zu beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos plötzlich auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer auf und ab gehend, sagte er endlich: