Entschlüsse und Pläne.

Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, den stieren Blick noch immer auf die Thür geheftet, als schon jener das Zimmer lange, lange verlassen, und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst genug zu fassen wußte, alles das zu begreifen, was in der letzten Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war es, daß er das ganze Entsetzliche seiner Lage begriff, und sich, vernichtet, in einen Stuhl werfend, barg er das Antlitz in den Händen und schluchzte laut.

Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur manchmal wie das kalte Wetterleuchten einer Schneenacht durch die Seele gezuckt — was ihm selbst dann, wo er den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den wenigen Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfüllte — es war Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben stand es vor seinem inneren Auge, was er mit leichtgläubigem, thörichtem Herzen gethan.

Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem Krankenhaus geholfen — einen Wahnsinnigen eingeführt in den stillen Familienkreis der Freunde, und Jenny — heiliger Gott und Erbarmer — Jenny war elend geworden durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden hinausgeworfen hätte, ihr eines Jahres Glück dafür zu kaufen.

Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf und ab zu gehen und Pläne zu ersinnen, all dem Unheil vorzubeugen, das er selber muthwillig heraufbeschworen — Pläne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in ihm aufgestiegen und er fürchtete selbst den anbrechenden Tag, der vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich bringen konnte.

Was sollte er thun, wie dem tödtlichen Pfeile wehren, der, einmal der Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem Ziele entgegenstrebte? — Sich selber den Gerichten entdecken? bekennen, was er mitleidigen und selbst getäuschten Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, so viel er sinnen mochte, vernünftiger Weise zu thun übrig blieb, und doch sträubte sich immer und immer wieder sein Herz gegen solche Maaßregel der Gewalt, die den Unglücklichen, mit dem er nun einmal Freud und Leid so lange Monate getheilt, auf's Neue in die Mauern eines Kerkers, vielleicht in die alten Räume zurückwerfen mußte, und hatte er da nicht die Gewißheit, das endlich im furchtbarsten Maaße zu werden, was jetzt doch noch möglicher Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens gemildert werden konnte? —

Und Jenny — mußte ihr nicht das Herz brechen, wenn sie den Geliebten — Geliebten? einen Wahnsinnigen — arme, arme Jenny.

Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine Gegenwart es allein, die noch vielleicht Unglück und Verderben von bedrohten, lieben Häusern abwehren konnte? er wollte hin zu Newlands, und sie von dem Schrecklichen in Kenntniß setzen, und fürchtete doch auch wieder den Augenblick, wo er dem Mädchen gegenüber die Schreckensworte aussprechen sollte.

Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die ihm Hirn und Seele folterten, und zum Tode erschöpft, warf er sich endlich auf sein Lager — seine Angst, sein Weh fortzuträumen in tollen Bildern.

Als er am nächsten Morgen erwachte, stand Don Gaspar an seinem Bett, und noch ehe er sich die Vorgänge des letzten Abends ins Gedächtniß zurückrufen konnte — und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch, eine Last, auf seiner Seele — bat ihn der Spanier mit vollkommen unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen und sich anzuziehen — das Wetter sei wundervoll und sie wollten einen Spatziergang mitsammen machen. Fast mechanisch gehorchte er, so oft er aber auch versuchte dem Blick des Unglücklichen zu begegnen, so oft mißlang ihm das, und Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und schaute, an den Scheiben trommelnd, hinaus, bis jener seine Toilette beendet hatte und ihm auf die Straße folgen konnte.