Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den zusammengepreßten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und schmiegten sich rasch und gefügig in wunderliche Form und Gestalt — Heimath? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes, ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, düsteren, vergitterten Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nähe, kein Mensch — ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, die Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, stand ein Mann — es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen — das war er selber — und die Welt lag vor ihm, frei, frei im glühenden, jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen Kacktusarmen frei ihr Futter; drüben über den Häusern konnte er die grasenden Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten Feldern der nächsten Saladeros[22], dort jene Reiter galoppirten frei, frei über die weite, grünende Steppe, und nur er — nur er — — Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus stehen blieb und so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar — jetzt wandte sie sich nach ihm her —

»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er noch immer gefaßt gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft, mit der sich die Hand auf ihr schloß in krampfhafter Wuth — »Don Luis!« — ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei des zum Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er den Wagen verlassen, zu sich selbst zurück.

»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« sagte Jenny, die sich zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen, Sie schauen todtenbleich aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie mich so an? Don Gaspar?«

»Entschuldigen Sie, Señorita — entschuldigen Sie,« stammelte der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken zurückzuzwingen in die alte Bahn — »die Aufregung heute, mit einem leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt — der Schmerz der Trennung.«

»Trennung? Sie wollen fort?« — rief das Mädchen rasch und augenscheinlich erschreckt, denn ihre Wangen verließ jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden mit so viel mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen — »und wohin? weshalb?« —

»Wohin? — weshalb?« — wiederholte der Gefragte, kaum bewußt, daß er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu halten vermochte — »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« setzte er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm willenlos zu nehmen gestattete, »werden Sie den Fernen — Fremden nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?«

Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« das von den Lippen der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken lassend, starrte er wehmüthig lächelnd vor sich nieder und fuhr mit halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen Mädchen redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wäre, hätte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt.

»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit draußen in der Ferne umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt. Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos, den kalten Willkommen des Fremden zu hören, und sich dabei noch bewußt zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. Jeder in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in das arme Herz. Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb herzig in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem tiefen, schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so mächtigeren Weh zusammen, und die beiden Worte »allein« — allein und »heimathlos« wären schon in sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch außerdem von den Eltern auf das — aber halt — was ich gleich sagen wollte,« unterbrach er sich da plötzlich mit ganz verändertem Ton und Ausdruck, während seine Hand fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der Druck zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren suchte, »wie ist mir denn, fürchteten Sie sich nicht vor einem — vor einem Wahnsinnigen?«

»Wie kommen Sie jetzt zu der Frage?« hauchte das Mädchen, das Haupt erbleichend von ihm abwendend.

»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute« —