Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde. Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören ließen. — Niemand kam, und wie ihm endlich die feste Überzeugung schwand, mit der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm auf, wohin dieser in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er angerichtet haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal — zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don Gaspar könne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren düsteres, furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick geworfen, zum Ausbruch käme.

Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber hielt er es auch nicht mehr aus — es litt ihn nicht länger in dem leeren Raum, und hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen wären oder nicht.

Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder, wie er nur das Haus betrat.

»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er der alten Magd entsetzt entgegen, die ihm mit zitternden Händen die Thüre öffnete.

»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinaufflog und die Thür aufriß. —

Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein seine schlimmste bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht.

Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden Tisch, auf den er sich mit der linken Hand stützte, stand der Greis, den rechten Arm um die Tochter geschlungen, die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und gesträubtem Haar ihnen gegenüber stand.

Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, den eintretenden jungen Mann, aber die so lang eingehemmte und zurückgehaltene Wuth des Tollen, die jetzt Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger Vulkan seine Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder Lohe ins Freie.

»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, »Don Luis, er ist hier — er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte — hier — hier zwischen den zusammengeballten Fäusten — hier zwischen den Zähnen und Armen — huih!« — und das Zimmer dröhnte von dem gellenden Aufkreisch des Rasenden. — »Und das Dein Weib? — mit dem marmorbleichen Angesicht? — das die blühende, liebeglühende Constancia?« fuhr er plötzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende Mädchen ausstreckend — »das die Schlange, die mich nicht einmal im Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen — das die Braut« — und zum Sprung, die Schultern zurückgedrängt, die Augen in wildem unheimlichem Feuer glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wüthenden gehoben, ausrief:

»Morelos!«