Noch einmal berührte sein gebogener Finger die Thür, und lauter und ungeduldiger tönte das scharfe »Herein« des Bedrohten.
Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten Theile des Zimmers, wie aber statt dem Öffnen der Thür zum dritten Mal das Klopfen, nur etwas lauter als vorher ertönte, schallten rasche Schritte von innen, doch ehe sie sich vollkommen der Thüre nähern konnten, riß sie Morelos auf und stand im nächsten Moment dicht vor dem, mit einem jähen Ausruf des Schrecks zurückspringenden Argentiner.
Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer des Feindes blitzte in dessen Hand und die nächste Sekunde, schien es, sollte sein Schicksal entscheiden. Doch über den wunderlich tollen Geist des Wahnsinnigen war ein anderer Schatten gezogen, oder hatte die Gewißheit seiner Rache, das Bewußtsein, den Feind nun endlich im Bereich seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden Wuth, die ihn sonst nur bei Nennung des bloßen Namens befiel, die volle Schärfe genommen? Ja, er letzte sich jetzt selber an diesem Gefühl und wenn auch Mord und Blut nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle betrat, so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit einem Schlag den Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan seiner Rache zu zerstören.
»Bst!« sagte er, mit dem warnend emporgehobenen Zeigefinger der linken Hand — »bst — Kamerad — kein Geschrei, die Nachbarn sind munter und du könntest die Polizei im Schlafe stören — siehst Du den Gruß hier?« und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor der der Unglückliche scheu und entsetzt zurücktrat — »fürchte Dich nicht, Schatz, es thut nicht sehr weh — den hat mir Felipe für Dich aufgetragen.«
»Was wollen Sie von mir, Unglückseliger?« rief jetzt Don Luis in wilder Angst, denn in den Augen des Wahnsinnigen lag der Tod — »nennen Sie Ihre Wünsche, und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfüllen und kostete es mein halbes Vermögen.«
»Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,« flüsterte kopfschüttelnd, einen Blick nach der Thüre werfend, der Spanier, »aber eine Frage hätte ich doch an Dich — wo ist Constancia?« — und seine Augen leuchteten und funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand umspannte krampfhaft den Griff des Messers.
Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber die Gefahr war zu dringend mit seinem Leben zu spielen und er sagte rasch, die einzige vielleicht mögliche Gelegenheit ergreifend, sich zu retten: —
»Wünschen Sie Donna Constancia zu sehen?«
»Zu sehen?« rief der Spanier schnell und zornig, »nur zu sehen? — wo ist sie? — rasch — unsere Augenblicke sind kostbar.«
»So will ich Sie zu ihr führen,« sagte Don Luis, zum Tisch tretend und seinen Hut ergreifend, »wir brauchen das Haus nicht zu verlassen.«