Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.
»Sie weigert sich, ihn zu nennen – ein Schwur bindet ihre Lippen.«
»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den Schwur kenne ich – er heißt Selbstinteresse – aber ich begreife noch immer nicht – Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« unterbrach er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl über sein Antlitz zuckte – »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das Vertrauen, das Sie mir geschenkt – wenn ich es Ihnen auch nur durch Überraschung abgepreßt. – Aber jetzt fort – Du mein Himmel, mir schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt das Hirn durchkreuzen – und doch war ich nie so glücklich, nie so lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«
»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich Rottack's Betragen nicht erklären.
»Gewiß,« lachte dieser – »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich – aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen Besuch zu machen – und dann komme ich wieder her – in einer halben Stunde bin ich wieder hier« – Und ohne Abschied sprang er in jubelndem Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.
12.
Schluß.
Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit flüchtigen Sätzen angesprungen kam.
»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«
»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix – »Sie müssen noch einen Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!«