Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten – und doch war ihr das Herz dabei so weh – so sonderbar bedrückt – sie wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb – und ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich ausschließlich mit seiner Nachbarin zur Rechten.
Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen für die Colonie tragen mußten.
Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male, sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden – aber umsonst. Die Frau Pastorin hielt, was sie einmal hatte – welches Zeugniß ihr auch ihr Mann zu Zeiten ausstellte – und er mußte sich endlich in sein Schicksal ergeben und ruhig und geduldig ausharren.
Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte sie das Gesicht schon gesehen – wo diese Züge, die ihr so merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf eine falsche Fährte brachten? – Felix konnte es eben so wenig entgehen, daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinübersah – aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein vis-à-vis zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« – und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach der verkehrten Seite umsah.
Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf, trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:
»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es – daß es jetzt etwa Zeit sein dürfte, der Gesellschaft – der Gesellschaft den wichtigen Schritt mitzutheilen? – Wir sind schon beim Dessert.«
»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen flüchtigen Blick über die Gäste werfend – »es wird in der That Zeit; bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«
Herr von Pulteleben verneigte sich – es war ihm in der That nicht recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben mochte, denn sie erbleichte sichtbar.
Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu.
»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier unten von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«