»Soll ich Dich nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen Manne?«
»Mein guter Vater!«
»Gottes Segen über Dich – Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!«
»Vater – Vater!«
»Stille, mein Kind – stille – weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen Jahren nicht gewesen ist. Nur eine – eine Sorge liegt mir noch darauf, und das bist Du, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem weiten, fremden Lande zurücklasse.«
»Vater, sprich nicht so – Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen Kräften.«
»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken folgte – »und auch daran trage ich die Schuld – auch daran, daß ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, sündhaften Plänen folgend – auch daran, und das Gewicht muß ich jetzt mit mir hinab nehmen – hinab in's Grab!«
Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.
»Weine nicht, Elise,« sagte er leise – »weine nicht – wir sehen uns wieder – wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande – nicht so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind – sei stark, Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«
»Du wirst nicht sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte ihre Stirn nur fester an seine Schulter – »Du wirst leben, mir – mir zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes, spätes Alter hinein!«