»Und wer war das?«
»Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie, der mit der Idee herüber kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er übernahm eine allerliebst gelegene Colonie — Sie müssen heute Morgen daran vorbei gekommen sein.«
»Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von brasilianischer Abstammung wohnt?«
»Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt — und er verwirthschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen, denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natürlich konnte Niemand weiter daran schuld sein als der Director, da ihm dieser noch dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der Zeit wüthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß ich von seinen Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.«
»Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach in diesem Augenblicke ein junger Mann das Gespräch, der sie überholt hatte und rasch an ihnen vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber nicht lange in seines Vorgesetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die nächste Querstraße ein und verschwand in einem der Gärten.
»Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint stark gefrühstückt zu haben. Sein ganzes Äußere sah wenigstens danach aus.«
»Ein anderer Fluch unserer Colonie,« seufzte Sarno, »das war unser Schullehrer.«
»Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein.«
»Und nicht allein ist er trotzdem, sondern gerade deshalb Schullehrer,« sagte der Director; »unser deutscher Bauer ist nämlich von Haus aus und von klein auf so daran gewöhnt worden, den »Schulmeister« als ganz untergeordnete Persönlichkeit zu betrachten und danach natürlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn für diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er förmlich gezwungen werden muß, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann später keine andere Laufbahn mehr einschlagen können, finden sich immer genügende Kräfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht nothgedrungen muß. Das aber sind denn meist junge Leute, Studenten oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade für so lange der »Beschäftigung« eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. So wie sie aber etwas Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie der Gemeinde kündigen — manchmal gehen sie sogar ohne Kündigung fort, und wie nachtheilig ein so steter Wechsel — den eigentlichen mangelhaften Unterricht nicht einmal gerechnet — auf die Kinder wirken muß, läßt sich ja denken und liegt klar zu Tage.«
»Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz allem Dem einen ordentlichen Mann, wenigstens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben. Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne den geringsten Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise irgendwo durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch »auf Probe« überließ, und da der gute Mann den brasilianischen Wein merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht freien Augenblick, um über die Stränge zu schlagen.«