»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln — »Ich selber bin gerade beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so freundlich sein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird er sie sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude, wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe — Bücher sind seltener in Brasilien, als Blumen.«

»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten.

»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das junge Mädchen, während sie den halben Garten lang schon schweigend neben Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte, ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte.

»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?«

»Weil Sie — die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiederte Elise, aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde.

»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter, denn er begann jetzt in der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.

»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise, und sah ihm jetzt so voll und ehrlich in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt vor den hellen Sternen zu Boden senkte.

»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise; »aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer Begleitung den staubigen Büchern — wahrscheinlich ohne dieselbe — vorgezogen habe.«

»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete.

»Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, »und in dem Leben eines Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet. Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken, aber — wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. — Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über gewirkt und geschafft, dann liegen wir an einem einsamen Lagerfeuer, oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des Menschen gehört.