»In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen gesehen,« erwiederte der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem schweren Seidenstoffe eben so zu Hause sein, wie in ihrem einfachen Kattunröckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.«
»Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tyroler Dialekte,« sagte Günther, »aber da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, wo sie herstammen.«
»So — da bin ich wieder — hat's lang gedauert?« sagte die junge Frau, als sie mit einem kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und nun setzen Sie sich her und langen Sie zu — 's ist nicht viel, aber wir haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum sechs Monaten auf der Chagra.«
Während sie sprach — und so rasch und gewandt, daß Alles sich fast von selber zu ordnen schien — hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem Tische ausgebreitet, und frische, süße Milch, weißes Brod, Butter und Käse, Alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen.
»Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« fragte der ältere Fremde; »die Pinien und Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt sein.«
»Das sind sie auch,« erwiederte der Mann, der in diesem Augenblicke wieder in der Thür erschien und der Frau das Kind entgegen hielt. »Da, Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann zu dieser fort; »ob der Bengel wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.«
»Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,« sagte Günther.
»Bah, der hält sich schon fest,« lachte der Mann, »ja, was ich sagen wollte, die Chagra habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß man die Bäume kaum fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden wollen, sich die Sache aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch irgendwo anders besser hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.«
»Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der ältere Fremde.
»Wir? — Nein,« lachte der Mann, — »das heißt, ja, wir sind schon Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drüben geboren, sondern hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.«