»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von seinem Glase kostete — »ich habe ja gar keinen — bitte um Verzeihung, das ist mein Ausbruch. Er ist ein Bißchen säuerlich, weil bei uns die Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich erst einmal an den Wein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste Markobrunner nicht mehr.«
»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte, das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte — »ich bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.«
»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie drei Flaschen davon tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden ihm stumpf.) Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen. Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch Hunger bekommen haben.«
Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod, frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den »Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe, und wie er es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig Ordnung gebracht habe.
»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er fort — »gar Nichts, das ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz — ja, »Dickethun ist mein Reichthum,« das paßt auf den. Will Alles besser wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein anderer Mann — der weiß, was Höflichkeit ist und was unser Einer versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust ist.«
Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so gemein als möglich.«
Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute ja genug in allen Ständen, und man braucht eben nicht nach Brasilien zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über die Verhältnisse zu gestatten.
Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen.
Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser kaum den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand er auf, rieb sich die Hände und sagte:
»So, jetzt kann's losgehen — jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir hier im brasilianischen Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig, Junge?«