Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, und verstand nicht das Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er hier bauen wollte, und was er da gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei, und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen Stämme herbekommen habe — Dinge, die den jungen Maler auch nicht im Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine Hecken-Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten Frühstücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der Ansiedelung zutraben konnte.
Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle — aber das ging nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen — nicht jetzt schon wieder sein Haus betreten — und doch, mit wie schwerem Herzen ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was seinem Herzen lieb und theuer war. — Vergebens suchte er auch nur einen Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.
Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den Zügel und lauschte. Richtig — im Garten selber hörte er die melodischen Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen, höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein Pferd am Zügel.
Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn beim Horchen ertappen — besser, er nahm es mit, und es vorsichtig führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte.
Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt des Pferdes nicht verrieth — er blieb stehen und lauschte der Melodie, die eine Meisterhand aus den Saiten lockte — aber wer spielte hier? Der alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, daß er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefühl schien die Saiten zu beleben.
Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig — hatte sich der Spieler wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd verursachte Geräusch verrathen mußte.
Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer fremde Melodie, und jetzt — das Herz schlug ihm auf einmal wie ein Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte.
| Die Herzen wachsen alle dort |
| Im blauen Himmelsfeld, |
| Und immer zwei beisammen, eng, |
| Die eine Schale hält. |
| Vielliebchen gleich, so keimen sie |
| Je zwei und zwei selband, |
| Und sind sie reif, nimmt sie der Herr |
| Und streut sie über's Land. |
| Eins pflanzt er einem Jüngling ein, |
| Das and're einer Maid, |
| Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch, |
| Wenn Ihr vereinigt seid. |
| Die beiden Hälften suchen nun |
| Sich in der Welt daher, |
| Und selig, wer sein halbes find't, |
| O dreimal selig der! |
| Das halbe Herz, Du lieber Gott, |
| Kann doch auch halb nur schlagen — |
| Wer meine and're Hälfte hat, |
| Ich wollt', er thät mir's sagen. |
Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es beendet, als er — er wußte kaum was er that — die beiden geschossenen Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke hinweg in den Garten schleuderte.
Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück.