»Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die Mutter endlich — »Du machst mich noch ganz nervös, und — schicke mir dann die Dorothea herein, denn ich muß mich jetzt anziehen — es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.«
Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf, aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:
»Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner gränzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.«
»Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück — »Du nennst das Gleichgültigkeit, was vorsichtige Überlegung und Berechnung ist — und was kannst Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein anständiger, hübscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit gleich sein soll — er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand — nur eine vorläufige Verlobung, weiter Nichts, und — lieber Gott — nachher könnt Ihr ja noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.«
Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.
»Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.
»Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst, wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft aufgeben — das versteht sich von selbst. So wie er aber aus dem Hause ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach: wir müssen ausziehen — wohin? wirst Du vielleicht angeben können — unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt und Deine Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich Recht oder nicht?«
»O wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich — »hätten wir uns nur eingeschränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit gekommen!«
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin ungeduldig mit dem Kopf schüttelnd, — »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute hätten den Augenblick gemerkt, daß wir — mit unserem Einkommen beschränkt sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.«
»Aber kann es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?«