Hier schon standen einzelne fruchttragende Orangenbäume, die wahrscheinlich früher einmal eine jetzt abgebrochene Hütte beschattet hatten. Als er hinanritt, um sich ein paar davon nach dem scharfen Ritt zu pflücken, bemerkte er eine menschliche Gestalt, die unter einem der Bäume saß und sich mit dem Rücken an den Stamm desselben lehnte. Günther würde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn daß sich die Brasilianer Morgens unter einen Baum legen und solcher Art ihre Tagesarbeit beginnen, ist gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei den Brasilianern sehr außergewöhnliches Instrument, eine Violine, in der Hand, und mußte schon deshalb ein Landsmann sein, obgleich Günther nicht gleich herausbekommen konnte, zu welcher Classe derselben er gehören mochte — wenigstens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und hätte als solcher hier auch wahrlich nicht den schönen Morgen müßig verträumt.

Als Günther sein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der Träumer lag, hob dieser den Kopf empor und sah den Fremden lange und starr an.

Es war ein edles, von einem leicht gekräusten schwarzen Barte beschattetes Gesicht, aus dem Günther ein Paar große dunkle Augen wie fragend entgegen leuchteten, und fast unheimlich traf ihn der schwermüthige Schein derselben. Das Gesicht, so weit es der volle Bart erkennen ließ, hatte auch kaum einen deutschen Schnitt; trotzdem grüßte Günther in seiner Muttersprache und sagte freundlich: »Guten Morgen, Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht gestört; wollte mir nur ein paar Orangen pflücken, da ich heute schon eine gute Zeit im Sattel bin.«

Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm und sein Blick haftete stier und ernst auf Günther's Zügen. Eben so wenig erwiederte er den Gruß, und als Günther schon glaubte, er habe sich in der Abstammung des wunderlichen Menschen doch geirrt, und statt des geglaubten Deutschen irgend einen Portugiesen oder Brasilianer vor sich, sagte der Fremde mit leiser, aber deutlicher Stimme. »Günther von Schwartzau! — Wie das Schicksal doch die Menschen wunderlich umherwirft, auseinander reißt und wieder zusammenführt — Günther von Schwartzau! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Dir je in Brasilien begegnen würde!«

Günther schaute den Fremden in sprachlosem Erstaunen an, denn nicht allein kannte er seinen Namen, sondern redete ihn auch mit Du an, und trotzdem waren ihm seine Züge vollkommen fremd — oder deckte nur der Bart vielleicht das Gesicht eines Freundes? Dem Fremden aber konnte das Erstaunen Günther's nicht entgehen, und tief aufseufzend fuhr er mit wehmüthigem Lächeln fort:

»Ja, Du hast Recht — ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd geworden; meine Züge hat die Zeit gefurcht, und der sonst jugendlich frische Felix ist wenigstens innerlich zum Greise zusammengetrocknet. — Felix — überhaupt ein ominöser Name für einen Erdenbewohner, und Eltern sollten es sich vorher wohl überlegen, ehe sie einen Knaben felix nennten.«

»Felix?« rief Günther überrascht vom Pferde springend und zu dem Sprecher tretend — »Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack — Mensch — Bruder — wie kommst Du hieher und was treibst Du hier?« Und mit den Worten hatte er den Freund gefaßt, umschlungen und geküßt und warf sich neben ihn in's Gras, seine Hand haltend und in das jetzt freundlich auf ihm haftende Auge schauend.

»Viele Fragen auf einmal, Freund,« sagte dieser, traurig den Kopf schüttelnd, »und ich weiß kaum, ob ich eine einzige zur Genüge beantworten kann. Wie ich hieher komme, ist außerdem eine lange Geschichte und möchte Dich ermüden, wenn Du sie von Anfang an hören solltest — seit wie viel Jahren bist Du von Deutschland fort?«

»Seit sechsen fast, und mit dem Entschlusse, in kurzer Zeit dahin zurückzukehren.«

»Seit sechs Jahren — ja, sie fliegen, und doch zählen wir oft die Stunden — thörichte Menschenkinder die wir sind! Seit sechs Jahren — das ist freilich eine lange Zeit, und was sich indessen mit mir begeben, hast Du nie gehört? — doch um eine lange Sache kurz zu machen, so bist Du vielleicht einmal zufällig in den Zeitungen einem Artikel begegnet, nach dem eine sehr hochstehende Person von einem — Wahnsinnigen angefallen und mißhandelt worden — errinnerst Du Dich nicht?«