»Gewiß?« lachte Felix höhnisch — »sie war die Kammerjungfer meiner Mutter, der Gräfin Rottack, Mademoiselle Baulen — ihren Namen hat sie wenigstens nicht geändert, und ich erinnere mich noch recht gut der Zeit, wo sie ihren Dienst quittiren mußte, weil meine Mutter erfuhr, daß sie einen Sohn hatte — von einer Tochter wußten wir nie ein Wort.«
»Und wie viele Jahre können das etwa sein?«
»Wie viele Jahre? — Ich weiß es nicht — die Zeit ist wie ein Rad über mich hingegangen und hat mir das Gedächtniß zermalmt, daß ich kaum noch denken kann.«
»Und ist Dir diese Frau Gräfin einmal begegnet?«
»Ja, aber ohne daß sie mich gesehen; ich sah nur sie, und bis jetzt hat sie noch keine Ahnung, daß ein Mensch in Brasilien ihr Geheimniß kennt.«
»Und daß die Mutter ein falsches Spiel gespielt, hat, wie es scheint, auch die Neigung zur Tochter in Dir ertödtet? — Siehst Du, daß Du doch selber auch noch an den alten Vorurtheilen hängst!«
»Vorurtheilen?« rief Felix rasch; »glaubst Du, daß ich das Mädchen weniger liebte, und wenn sie die Tochter eines Tagelöhners wäre? — O, mit welcher Seligkeit wollte ich für sie schaffen und arbeiten, im Schweiße meines Angesichts mein Brod verdienen und glücklich sein, wenn mich ein Lächeln ihrer lieben Augen lohnte. — Aber die Betrügerin, die mit der Mutter gemeinschaftlich einen Rang gestohlen, den Beide jetzt nicht die Mittel haben zu behaupten, nur um nicht ehrlich zu arbeiten — nein, Günther, so toll ist meine Liebe nicht, oder war sie nicht, wenn ich sonst auch nicht in Allem für mich einstehen möchte. Aber Du ahnst gar nicht, mit welcher Leidenschaft ich das Mädchen geliebt, wie ich mein Leben mit Wonne hätte wegschleudern können, nur um ein Lächeln aus diesen seelenvollen Augen zu gewinnen! Selbst das Gerücht, welches mir zu Ohren kam, sie wolle sich dem faden Burschen verbinden, der in ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren — ich glaubte es eben nicht, denn eine Helene konnte den nicht lieben! Wie ein böser Zauber zog es mich dabei immer zu ihrem Hause zurück, und halbe Nächte lang habe ich gelegen, ihr Fenster beobachtet, bis das Licht erlosch, und dann geträumt — geträumt…«
»Da — eines Tages begegnete ich zufällig auf der Straße ihr und ihrer Mutter — Helene erkannte mich — ich sah es an ihrem leichten Erröthen; wenn sie auch noch nie ein Wort zu mir gesagt, meine alte Violine da — armes Ding, wie sie jetzt aussieht! — hatte oft zu ihr gesprochen, wie ich die Antwort verstanden, die mir zurück durch ihre Lieder kam — aber ich sah sie kaum — mein Auge hing an der aufgeputzten Närrin, die an ihrer Seite ganz im aufgeblasenen Gefühl ihrer Würde schritt und den armen Colonisten, für den sie mich hielt, keines Blicks würdigte.«
»Aber war denn das auch gewiß ihre Mutter? — Kann sie nicht eben so gut mit einer Fremden gegangen sein?«
»Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die sie kannten: das ist die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von Pulteleben heirathen wird — so lautete die Antwort, die ich erhielt, und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böses Gewissen umschlich, sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein, Freund, der Sache bin ich gewiß, und — laß sie jetzt todt und begraben sein — ich will nicht weiter an sie denken!«