»Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt — »was ist geschehen? Das ist ja ein Lärm« — sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak, als ob er einen Geist gesehen hätte.
Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat — nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Männer, als auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.
»Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend — »es ist Nichts — nur eine Ohnmacht — sie schlägt die Augen schon wieder auf.«
»Herr Sellbach!« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme — »ich hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier zusammenführt.«
Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt — seine Lippen hatten sich getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen, und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.
»Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte — »Gott sei Dank! Beruhige Dich, liebe Mutter, und Vater« — sie wandte sich, während sie sprach, dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah, in welchem er dem Fremden gegenüber stand.
»Vater!« rief sie — »lieber, bester Vater — um des barmherzigen Gottes willen, was ist geschehen?« und in Windeseile war sie an seiner Seite und umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu lösen, von dem er befangen war. — »O, mein Gott!« stöhnte er — »endlich! endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, in einander gebrochen, zusammensank.
»Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm ergreifend — »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?«
»Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther — »das Fräulein richtet sich auf und — braucht eben nicht zur Mitwisserin gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu geleiten.«
»Aber ich begreife gar nicht!«