Hier schien das Alles zu fehlen. Der weiße Anputz des Hauses war lange von Wind und Wetter heruntergewaschen, die Fensterscheiben waren an vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterseite mit Papier nothdürftig verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut groß gezogen wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeschobene Spähne an solchen Stellen nothdürftig abgehalten, sich seinen Weg in's Innere zu bahnen.
Eben so sah es vor dem Hause selber aus. Wo fast alle anderen Ansiedler gar nicht schwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigstens einen trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der Besitzer dieses Hauses bequemer zu erreichendes Material verwandt und nur einige Körbe voll Spähne, die das Feuerholz geliefert, oben auf den weichen Lehm geschüttet und nach und nach hineintreten lassen oder selber hineingetreten. Aber diese waren nicht einmal erneuert worden und dadurch Stellen entstanden, die man bei nasser Witterung nur mit größter Vorsicht passiren konnte.
Nichts desto weniger prangte über der Thür ein mächtig großes Schild, das fast die Hälfte der Hausbreite einnahm und den Raum zwischen Thürsims und Dach vollständig ausfüllte. Auf diesem standen mit in die Augen springenden Buchstaben die Worte:
Bekleidungs-Akademie von Justus Kernbeutel,
Kleiderkünstler für Herrn, und Zimmermaler.
Justus Kernbeutel selber saß auch unter seinem Schilde an einem der offenen Fenster auf seinem Zuschneidetische und hatte ein Paar alte breitgestreifte Hosen vor sich auf dem Schooße, auf die er eben in Ermangelung eines ähnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken setzte, während in dem andern Zimmer auf einem Heerd, der eine ganze Sammlung von schmutzigen und zerbrochenen Töpfen trug, eine zu der ganzen Umgebung vortrefflich passende Frau das Mittagsmahl bereitete.
Meister Kernbeutel oder »Justus«, wie er in der Ansiedelung gewöhnlich glattweg genannt wurde, schien übrigens seiner Arbeit nicht zu eifrig obzuliegen, denn er ließ oft die Nadel ruhen, um etwa Vorübergehenden nachzusehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In ein ordentliches Gespräch ließ sich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder hatte seine bestimmte Beschäftigung, und daß Justus keine zu haben schien, kümmerte die Anderen eben nicht.
Justus sah übrigens auch gar nicht so einladend aus, das Haar hing ihm noch wirr um Kopf und Schläfe, als ob er sich an dem Morgen — etwas sehr Wahrscheinliches — noch nicht einmal gewaschen hätte, und ein paar blutige Striemen in dem von Leidenschaften gefurchten und unrasirten Gesichte dienten ebenfalls nicht dazu ihn zu verschönern.
Sein Humor schien aber dafür desto besser; er pfiff fortwährend bei der Arbeit, aber ob aus eigener fröhlicher Laune oder vielleicht die Vorübergehenden und die Nachbarn wissen zu lassen, daß er sich den Henker um Einen von ihnen scheere, ließ sich nicht genau erkennen. Es kümmerte sich auch Niemand darum.
Da kam ein einzelner Fußgänger langsam die Straße herauf. Er hatte die Mütze, mit einem Tressenbande darum, schief und herausfordernd auf dem linken Ohr, beide Hände in den Taschen einer alten Militärhose, die Weste um einen Knopf zu hoch eingeknöpft und den blauen Leinwandrock fleckig und an der Schulter eingerissen, außerdem aber eine kurze, schmutzige Porzellan-Pfeife im Munde und einen roth und grünen Tabaksbeutel vorn im Knopfloch hangen.
Wie er dem Hause gegenüber war, blieb er stehen und las das Schild, besah sich dann aufmerksam den im Fenster sitzenden Eigenthümer, ging ohne Weiteres zu ihm hinüber, lehnte beide Arme auf das Fensterbret und sagte: