»Laß mich nur einen Augenblick, Felix!« bat die junge Frau, »es war nur der erste Moment, die erste Überraschung. Sieh', jetzt geht es wieder besser, ich bin ja nur ein thöricht Kind, daß ich mir über das Aussehen der stolzen Frau Sorge machen sollte. Konnte sie denn ahnen, wer an ihrem Wagen stand? Und ihr Antlitz war so lieb und schön – Du hast Recht, Felix: es wird noch Alles gut werden.«
Mitten im Weg kam ein kleiner, dicker Herr auf sie zu, der, die Hände in den Taschen, einen sehr hohen Cylinderhut auf hatte und, obgleich er sehr anständig und einfach gekleidet ging, doch durch seine Beweglichkeit, mit welcher er den kleinen, runden Körper schwenkte, und durch sein entschieden vergnügtes Gesicht Rottack's Auge für einen Moment auf sich zog. Aber bei solchen Gelegenheiten, wie Jahrmarkt und Vogelschießen, kommen ja oft gar wunderliche Leute zusammen, und er wollte eben mit der Gattin vorübergehen, als des Fremden Blick auf sie fiel.
Merkwürdig war die Veränderung, die da in dessen Zügen vorging. Im Nu war der kleine vergnügte Mann ganz ernsthaft geworden, ja, sah ordentlich erstaunt aus, riß aber auch im nächsten Augenblick die rechte Hand aus der Hosentasche und den Hut vom Kopf, wobei er eine ordentlich blendende Glatze zeigte, und ging tief grüßend, aber wie verdutzt vorüber.
Graf Rottack konnte kaum ein Lächeln über den wunderlichen Menschen unterdrücken, aber er dankte freundlich und schritt jetzt in dem hier freier werdenden Weg der gar nicht mehr so fern liegenden Wohnung zu.
Auch von Helenens Antlitz war jetzt der Schatten gewichen, der sich über ihre lieben Züge gelegt, und die Farbe in ihre Wangen zurückgekehrt. Sie hatte ihr kleines Mädchen, das nicht länger getragen werden wollte, an die rechte Hand genommen, und die Kleine trippelte munter nebenher und zeigte mit dem freien Händchen, fortwährend jubelnd, bald da-, bald dorthin, wo sie etwas Neues und Auffallendes entdeckte.
»Bitte um Entschuldigung,« sagte in diesem Augenblick, dicht an Graf Rottack's Seite, eine Stimme, und als er den Kopf danach umdrehte, bemerkte er zu seinem Erstaunen den komischen kleinen Fremden, der wieder mit entblößtem Kopf neben ihm stand, oder vielmehr neben ihm herging und, zu ihm aufsehend, fortfuhr: »Ich habe doch das Vergnügen, den Herrn Grafen Rottack zu begrüßen?«
»Mein Name ist Rottack,« sagte Felix erstaunt, »aber ich weiß nicht...«
»Und kennen Sie mich nicht mehr? Und die Frau Gräfin auch nicht? Und das?« rief er, indem er seinen Hut wieder aufstülpte, die Füße auseinander spreizte und beide Hände auf die eingebogenen Kniee drückte – »Hurrjeh, das ist schon die kleine Familie?«
»Jeremias!« rief in dem Augenblick erstaunt Helene aus.
»Jeremias, bei Allem, was lebt!« lachte jetzt Rottack gerade hinaus, indem er dem kleinen, noch vor den Kindern kauernden Mann die Hand entgegenstreckte. »Mensch, wo kommen Sie auf einmal hergeschneit?«