Er hatte sich auch in der That nicht verhört; die Schloßuhr schlug gerade noch, als er vor die Thür trat, und er lief jetzt mehr, als er ging, dem Theater zu, um sich, dort angekommen, zu seinem Sperrsitz durchzuarbeiten.
Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jeremias hatte gerade noch Zeit, einen Blick im Theater selber umher zu werfen, wo Kopf an Kopf dicht gedrängt saß, als der Vorhang aufging.
Fräulein Rottenhöfer als Leonore trat auf; aber sie spielte heut Abend befangen, und kein Wunder, denn überall im Theater hatte sich schon das Gerücht eines beabsichtigten Tumults kund gegeben, und die Schauspieler selber konnten unmöglich unter diesem Eindruck ihre Ruhe bewahren.
Pfeffer, heute übrigens nicht beschäftigt, ging in Todesangst hinter der Scene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, und der Director selber hatte sich in seine kleine, völlig versteckte Loge geflüchtet, von wo er Alles übersehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.
Jetzt kam die vierte Scene mit Julia und Fiesco, und im Parterre lachte Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu früh und wurde Ruhe geboten.
Rebe übertraf sich selber; mit voller Ruhe und edlem Anstand und zuletzt mit glühender, hinreißender Leidenschaft spielte er die Scene durch. Seine ganze Persönlichkeit paßte dabei vortrefflich zu dem Grafen Lavagna; ein reiches, geschmackvolles Costüm hob sie noch mehr hervor, und die Damen waren entzückt von ihm.
Im Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflüstert, aber da bei seinem Abgang kein Zeichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb auch jede Gegendemonstration.
Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach dem ihm bekannten Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottack noch nicht erschienen wäre.
Jetzt trat Fiesco wieder auf, und in der nächsten Scene mit den drei schwarzen Masken erschien auch Graf Rottack und nahm seinen Platz ein. Auch diese Scene ging vorüber und die mit Bourgognino, und jetzt kam die Hauptscene mit dem Mohren, den Höfken ganz vortrefflich gab. Aber auch hier regte sich noch nichts. Es war ordentlich, als ob Alle, die Rebe's Spiel befriedigte, gefürchtet hätten, durch irgend ein Beifallszeichen den angedrohten Tumult hervorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in Nachtheil setzen konnte.
Der Vorhang fiel, Todtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in ein lautes Flüstern auflöste. Jeremias war aufgestanden und hatte sich umgedreht. Sein Blick fiel auf ein rothes, dickes Gesicht mit blonden Haaren, das ihm lächelnd zunickte, – das war richtig Herr Walther. Er stand nicht weit von der Thür, und wie er weiter suchte, erkannte er auch mitten im Parket, aber auf einer der letzten Bänke desselben, den Doctor Strohwisch, der ihn hämisch und wie triumphirend belorgnettirte. Jeremias lief die Galle über. War der Bursche seines Sieges so gewiß?