„Mit wem habe ich die Ehre?“ sagte der Commerzienrath, der sich mit dem unbehaglichen Gefühl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette gegenüber womöglich noch tiefer in seine Decke zurückzog. „Sie wollten mir etwas Angenehmes mittheilen, ich muß tausend mal um Entschuldigung bitten, daß sie mich zu dieser Tageszeit —“

„Um Gottes Willen machen Sie keine Umstände, bester Herr Commerzienrath“, rief der Fremde, der sich indeß vergeblich nach einem freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem vollgepackten Reisesack anvertrauen mußte, auf dem er nicht recht die Balance zu halten schien; „wie ich gehört habe, sind Sie gesonnen sich hier in Lichtenfels häuslich niederzulassen.“

„Ich?“ rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

„Nun ich weiß, daß es noch Geheimniß bleiben soll“, beruhigte ihn der Fremde, „und auf meine Discretion können Sie sich verlassen, jedenfalls ist es aber ein sehr glücklicher Umstand für Sie, daß ich heute den Morgenzug versäumte und zu spät von Koburg herüberkam, ich reise für das Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern — Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen blos den Namen zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glücklicher Zufall mich hier noch zurückhalten konnte. Helboldt und Sohn führen eine wahre Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier“, fuhr er dann fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths stellte, „habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.“

„Aber Herr, zum Donnerwetter“, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm des Commerzienraths los, „sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum Narren haben?“

„Ich, Herr Commerzienrath?“

„Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?“ rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mishandelte Mann. „Das war die gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?“

„Saure Weine, Herr Commerzienrath?“ wiederholte der Weinreisende mit einem Gefühl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt hätte. „Helboldt und Sohn saure Weine — ich bitte Sie um tausend Gottes Willen — nicht einmal unser Weinessig —“

„Gehen Sie zum Teufel, Herr!“ unterbrach ihn der sonst so schüchterne, jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, „ich liege hier halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu können, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Völkerrecht unter falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwünschten Flaschen wieder ein und lassen Sie mich ungeschoren.“

„Aber, Herr Commerzienrath, bei einem längern Aufenthalt hier — Helboldt und Sohn —“