„Der Barbar!“ sagte der Commerzienrath, während er seufzend ihre Bitte erfüllte, er durfte sich doch nicht in eine Kategorie mit einem solchen Menschen stellen lassen. Durch diesen kurzen Wortwechsel waren aber auch die Schranken gefallen, die sich bis dahin einer Conversation hemmend in den Weg gestellt zu haben schienen. Herr Mahlhuber schielte nach seiner Nachbarin hinüber, die den Schleier jetzt in die Höhe gelegt, und wenn auch nicht mehr ganz junge, doch regelmäßige, fast hübsche Züge hatte, und sagte mit einem etwas bedenklichen Kopfschütteln (der andere Passagier schlief gerade oder hielt wenigstens die Augen geschlossen, und er konnte eine solche Bemerkung vielleicht wagen): „Ja, das Reisen ist mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden.“

„Ih nun, das weiß ich gerade nicht“, erwiderte die schöne Nachbarin, ihr Tuch wieder von der Backe nehmend, sobald das Fenster befestigt war, „ich freue mich immer d’rauf, wenn ich einmal wieder hinauskomme; nur der Postwagen kommt Einem so langweilig vor, weil man die Eisenbahn jetzt gewohnt ist.“

„Ja!“ sagte Herr Mahlhuber. Er war noch nie auf einer Eisenbahn gefahren.

„Mir ist Reisen ein Vergnügen“, sagte die Dame.

Herr Mahlhuber stöhnte, denn das erinnerte ihn an den traurigen und ernsten Grund, der ihn aus seiner Heimat vertrieben, und er erwiderte leise und kopfschüttelnd:

„Ach ich wollte ich könnte das auch von mir behaupten, aber eine Sache hört auf ein Vergnügen zu sein, sobald sie uns einmal vom Arzte anbefohlen wird.“

„Sind Sie krank?“ fragte die Dame theilnehmend.

„Krank?“ wiederholte Mahlhuber und athmete leicht auf, denn das Gespräch betrat ein Gebiet, auf dem er sich zu Hause fühlte, „krank? — ja und nein; krank kann man eigentlich nicht sagen, — haben Sie schon von großen Lebern gehört?“

„Großen Lebern? Gewiß — die strasburger sollen die besten sein, aber meine Schwägerin hat eine solche Fertigkeit darin erlangt, daß man sie gar nicht mehr von strasburgern unterscheiden kann.“

„Nein, die meine ich nicht“, sagte der Commerzienrath verlegen und blickte mistrauisch nach dem Fremden hinüber, der zwar die Augen noch immer geschlossen hielt, aber um dessen Mundwinkel er doch glaubte ein leichtes boshaftes Zucken zu bemerken, „ich selber leide daran — meine Leber ist drei Zoll zu groß.“