Valerie hatte eine nicht unbedeutende Verletzung erhalten und lag Stunden lang ohne Bewußtsein; der Bader wurde auch gerufen, ließ ihr natürlich zur Ader und verband sie, und sie kam wieder zum Leben, mußte aber lange das Bett hüten und durfte in der ganzen Zeit nicht lernen. Pflege hatte sie auch weiter keine als die alte mürrische Frau, und sie verbrachte auf ihrem harten Strohsack eine lange, trostlose Zeit.

Aber auch das ging vorüber; ihre jugendliche Natur half ihr über die sonst vielleicht gefährlichen Folgen der Verwundung hinweg, und sie konnte sogar in einiger Zeit wieder die nöthigen Arbeiten für ihr Examen vornehmen.

Der Aufenthalt im Hause wurde indessen immer trostloser, denn der Bänkelsänger schien, durch das Fortschaffen seines bisherigen Cumpans, des blinden Schusters, fast außer sich gerathen. Allerdings hatte er mit diesem bisher in ewigem Zank und Streit gelebt, aber gerade dieser Zank war ihm zuletzt Bedürfniß geworden, und als er ihn entbehren mußte, wurde er vollständig unleidlich — und trotzdem schien er eine Art von wunderlicher Zuneigung zu dem Kind gefaßt zu haben, die er sich aber doch nicht wollte merken lassen, weil sie ihm vielleicht selber absurd vorkam. So lange sie aber krank lag, war seine erste Frage an jedem Morgen, wie es der „Falleri“ ginge, und Nachts saß er manchmal Stunden lang an ihrem Lager und half mit, ihr nasse Tücher um den Kopf zu legen, oder reichte ihr auch wohl den Becher mit Wasser, wenn sie danach verlangte. Der alten Schulmeisters-Witwe erzählte er auch dabei einmal, daß er früher ein Kind gehabt, ein kleines Mädchen, so zart und hübsch wie die „Falleri“, aber sie war ihm gestorben, die Mutter ebenfalls, und wie sie auf dem Todtenbett gelegen, hätte sie gerade so ausgesehen wie die „Falleri“.

Diese Zuneigung schien übrigens nur so lange zu dauern, wie das Kind wirklich krank und halb bewußtlos war. Kaum erholte sie sich wieder, als er sein altes Leben begann und sich gar nicht weiter um sie bekümmerte; ja, als sie nur eben erst ein klein wenig im Haus herumwirthschaften konnte, schimpfte und fluchte er wieder auf sie wie vordem, und sang alle seine alten schauerlichen Lieder, von denen bis dahin keines über seine Lippen gekommen.

Drittes Kapitel.
Zur Confirmation.

So nahte die Zeit, wo Valerie confirmirt werden und dann auch das Gemeinde-Armenhaus verlassen sollte, denn der Schulze hatte ihr schon einen Dienst bei einem Bauer ausgemacht, dessen Schwiegermutter an einer bösartigen Krankheit litt, und wo sie die Pflege derselben übernehmen konnte. Wozu brauchte auch die Gemeinde länger die Last zu tragen, wenn sich das Mädchen erst einmal selber mit ihrer Hände Arbeit ernähren konnte? Es war eigentlich eine Sache, die sich von selbst verstand.

Valerie war indessen vierzehn Jahr alt geworden — wenn sie sich auch kaum noch auf den Tag ihrer Geburt erinnerte, denn wer hatte sich, seit ihre Mutter gestorben, wohl noch um den gekümmert! Stark gewachsen mußte sie auch in der Zeit sein, denn ihre Kleider wollten ihr nirgends mehr passen und reichten ihr kaum mehr bis über die Knie, und neue hatte sie ja nicht dazu bekommen. Aber wie bleich und mager sie aussah, und wie verwahrlost, wie schmutzig und abgerissen! Auch der freundliche kindliche Zug von Anmuth war aus ihrem Antlitz gewichen, der es früher erhellte und die Grübchen in ihre runden Wangen rief. Finster und verdrossen sah sie aus, und wenn sie ja einmal draußen bei der Arbeit und ganz in Gedanken mit ihrer klaren Stimme sang, so waren es nur die wüsten, häßlichen Lieder, die sie von dem alten Bänkelsänger den ganzen Tag hören mußte, und die ihr deshalb in den Ohren klangen — und dazu die Vorbereitung zur Confirmation! Aber das störte sie nicht; welche Andacht konnte sie auch mit in die Kirche zu einem Gott bringen, von dem sie sich verlassen glauben mußte, während sie von den Menschen unter die Füße getreten wurde. Sie beobachtete — wie es Tausende ebenfalls thun — die anbefohlenen Formen und Formeln, und nahm das Ganze als eine eben nicht zu umgehende Ceremonie, die sie ja auch überstehen würde, so gut wie die Andern.

Eine Schwierigkeit hatte es dabei: ihre dürftige, abgerissene und schmutzige Kleidung. — So konnte sie nicht vor Gottes Altar treten, wie der Geistliche sagte, und der Schulze sollte Rath schaffen. Aber woher nehmen und nicht stehlen; denn neue Kleider aus dem Gemeindesäckel zu bezahlen, war noch nicht dagewesen und konnte auch von keiner Gemeinde verlangt werden.

Vielleicht gab es aber da eine Hülfe, denn der Schulze hatte bemerkt, daß Valerie an einer Schnur einen goldenen Schmuck um den Hals trug, und zwar ein kleines Kreuzchen und einen einfachen Ring. Das Kreuz hatte sie selbst einst von ihrer Mutter, die es bis dahin getragen, zu Weihnachten bekommen — der Ring war der Trauring der Verstorbenen, den sie ihr von der kalten Hand gezogen und als theueres, einziges Vermächtniß aufbewahrte. Diese beiden Stücke sollte das Mädchen hergeben, um mit dem Erlös derselben die für sie nöthigen Kleidungsstücke zu beschaffen, und der Ortsschulze hielt das für so in der Ordnung, daß er es nicht einmal nöthig glaubte, selber ein Wort deshalb zu verlieren, sondern eine Magd in das Gemeindehaus sandte, um die „Goldsachen“ nur einfach abzuholen. Valerie erfuhr aber kaum, was man von ihr verlange, als das sonst so scheue und schüchterne Mädchen auf das Bestimmteste erklärte, die Kleinodien nicht herzugeben, so lange sie selber lebe, und die Magd mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.