Diese Pflege überließ man dem kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchen, und nur dem Leben im Gemeindehaus vielleicht verdankte es Valerie, daß sie im Stande war, da auszuharren, und nicht körperlich zu Grunde ging.
Zwei volle Monate pflegte sie die Kranke unermüdlich. Sie kam in der ganzen Zeit fast in kein Bett, und nur, wenn sie das gebrauchte Geschirr aufwaschen mußte, an die freie Luft. Endlich erlöste der Tod der alten Frau diese und Valerie, ja das ganze Haus von der entsetzlichen Qual, und Valerie wurde ihres Dienstes quitt. Die Frau Baumstetter würde sie aber doch vielleicht im Haus behalten haben, denn sie sah, daß sie fortwährend still und willig ihre Arbeit that, und nicht eine Klage war in der ganzen Zeit über ihre Lippen gekommen — aber das verschlossene, scheue Wesen des Mädchens gefiel ihr nicht. — „Die hat’s hinter den Ohren“, pflegte sie oft zu sagen, „aber sie gibt’s nicht aus, bis einmal ihre Zeit kommt.“ Uebrigens hatte sie auch keine weitere Beschäftigung für sie, denn im Stall war sie ihr nicht stark und kräftig genug, und sie verabredete deshalb mit des Schulzen Frau, die gerade ein Hausmädchen brauchte, daß diese sie von da an in Dienst nehmen sollte, denn untergebracht mußte sie nun einmal werden.
Valerie erschrak, als sie hörte, daß sie in des Schulzen Dienst kommen sollte, denn erstlich war des Schulzen Frau als bös und zänkisch im ganzen Ort verschrieen, und dann fürchtete sie den Schulzen selber seit jenem Morgen mit allen Fasern ihres jungen Herzens. Aber was half es? Einen freien Willen hatte sie ja doch nicht; sie mußte hingehen, wohin man sie schickte — und sie ging.
Die Frau Baumstetter hatte ihr noch, ehe sie das Haus verließ, aus „Erkenntlichkeit“ ein paar alte Kleider geschenkt, denn Lohn bekam sie ja noch nicht — die durfte sie sich jetzt selber zurecht machen, denn mit der Nadel wußte sie ziemlich geschickt umzugehen, und die Frau des Schulzen sah darauf, daß ihre Dienstboten anständig aussahen, war sie ja doch die „erste Frau im Dorf.“ Sie sollte auch hauptsächlich für Nähereien im Haus verwandt werden, denn dadurch sparte man die überdieß theuern Näherinnen, die so unverschämt waren, einen ganzen Tagelohn für ihr „Flickwerk“ zu verlangen.
Valerie hatte es jetzt, was ihre Arbeit betraf, besser als im vorigen Haus, denn wenn sie auch Morgens schon um vier Uhr heraus mußte, um überall mit zu helfen und dann Abends, bei einer trüben Oellampe bis um zehn Uhr regelmäßig beim Spinnrad, oder auch manchmal sogar bei einer Näherei saß, obgleich sie die Stiche in der Dunkelheit kaum erkennen konnte, brauchte sie doch nicht mehr die Sterbende in ihrer furchtbaren Krankheit zu pflegen, und konnte wenigstens von zehn bis vier Uhr ruhig schlafen. — Aber sonst bekam sie es viel schlechter im Haus, denn wenn ihr bei Baumstetter’s kaum je ein unfreundliches Wort gesagt wurde, hörte beim Schulzen und seiner Frau das Zanken gar nicht auf, und daß sie nie eine Sylbe darauf erwiderte, wurde ihr für Störrigkeit und Verstocktheit ausgelegt. Ja, die Frau war so heftig, daß sie das arme Mädchen oft bei Seite stieß oder auch schlug, wenn sie ihr einmal im Weg stand oder etwas nicht recht anfaßte; was brauchte man auch mit der „hergelaufenen Range“ viel Umstände zu machen!
Auch unter den übrigen Knechten und Mägden hatte sie keine Freunde, denn sie lachte nie oder ging auf irgend einen der rohen Scherze ein, sondern war immer nur still und verschlossen bei ihrer Arbeit, sodaß man kaum eine Antwort aus ihr heraus bekommen konnte. Sonntag Nachmittags, wenn sie die Erlaubniß einmal bekam, auszugehen, wanderte sie dann allein auf den Kirchhof hinaus und besuchte das Grab ihrer Mutter, und dort konnte sie Stunden lang mit gefalteten Händen sitzen und den kleinen Hügel anschauen. — Aber sie weinte nie, und nur manchmal sang sie, mit einer glockenhellen Stimme, kleine, schwermüthige Lieder, die man aber im Dorf nicht kannte und die sie noch von ihrer Mutter gelernt haben mußte. Sobald sie aber nur merkte oder selbst Verdacht schöpfte, daß sie belauscht wurde, schwieg sie augenblicklich still.
Die einzige Freundin, die sie im Dorfe hatte, war die alte Nachbarin ihrer Mutter, die sie jedesmal, sobald sie vom Kirchhof kam, besuchte; auch beim Gemeindehaus ging sie manchmal vorüber, um ihrem alten Beschützer guten Tag zu sagen. So viel sie dieser aber auch ausfrug, wie es ihr ginge und wie sie behandelt würde, so klagte sie ihm nie ihre Noth und behauptete immer: gut. Aber der Alte wußte es besser; erstlich kann so etwas nicht geheim gehalten werden, denn ein paar Mägde, die mit der Schulzin Streit gehabt und den Hof verließen, erzählten es im Dorfe weiter, wie hart sie mit dem armen Kinde umgehe, und dann zeigte es auch schon ihr ganzes abgehärmtes Aussehen deutlich genug.
„Und was Du für rothe Ränder um die Augen hast, Kind“, sagte der Alte kopfschüttelnd. „Gott straf’ mich, ich glaube, die hoffärtige Hexe läßt Dich sich noch blind bei ihrer magern Oelfunzel nähen.“
„Es ist nur eine Erkältung, Herr Brenner.“
„Von — ich hätte bald was gesagt“, knurrte der Alte, „mach’ Du mir was weiß, willst Du? Herr Gott, was ich für eine Wuth auf den Lump, den Schulzen, habe! — umbringen könnt’ ich den Schuft. Weißt Du denn, daß er neulich in der Gemeinde den Vorschlag gemacht hat, mich aus dem Gemeindehause zu stoßen, weil ich immer Geld hätte und mich selbst ernähren könnte? Die andern Bauern wollten nur nicht, aber der nichtsnutzige Hallunke hätte mich mit Vergnügen auf die Straße gesetzt.“