Valerie erwiederte kein Wort — still und schweigend kehrte sie sich ab, ging wieder vor die Stadt, suchte sich einen Platz hinter einer Hecke, rückte sich ihr Bündel unter den Kopf, kauerte sich in der frischen Nacht so viel als möglich zusammen, und war bald auf ihrem harten Lager sanft eingeschlafen. —
Aber sie schlief nicht lange. Eine Stunde mochte etwa vergangen sein, da rasselten schwere Wagen auf der dicht vorüberführenden Chaussee vorbei, und erstaunt richtete sie sich auf, denn sie hörte eine Menge von Menschenstimmen. Wie sie sich aber umsah, erkannte sie auch am Himmel einen hellen Feuerschein, der etwa in der Richtung nach Osterhagen am Horizont lag. War dort Feuer ausgebrochen? Lieber Gott, die armen Menschen! aber sie konnte ihnen doch nicht helfen — sie war selber hülflos genug, und auf ihr Kopfkissen zurücksinkend, schlief sie bald wieder sanft und süß.
Fünftes Kapitel.
Feuer! Feuer!
Valerie hatte das Gemeinde-Haus etwa eine halbe Stunde verlassen, als die alte Frau Kunzen zu dem kranken Bänkelsänger hineintrat, um das Geschirr wieder abzuholen. Dieser lag auf seiner Matratze und stöhnte erbärmlich, und als ihn die Frau frug, wo’s ihm fehle, sagte er: „Ueberall, überall, Kunzen, in allen Gliedern reißt’s und zwickt’s mich, und ich bin so matt, daß ich kaum den Löffel zum Munde bringen konnte. Wenn ich nur erst einschlafe, nachher wird’s vielleicht besser — stört mich nur jetzt nicht wieder, daß ich zur Ruhe komme.“
„Nun, ich störe Euch gewiß nicht“, brummte die Alte, „ich will selber froh sein, wenn ich Frieden habe“, und die Thüre hinter sich zuwerfend und ohne es für nöthig zu halten, „gute Nacht“ zu sagen, verließ sie die Kammer, stellte das schmuzige Geschirr in die Küche und ging dann ohne Weiteres selbst zu Bett.
Im Dorfe lag die Nacht auf den stillen Straßen; das Wetter war noch ziemlich warm und vor einigen Thüren standen noch plaudernde Gruppen; als aber die Sichel hinter die nächsten Hügel sank, traten jene auch in die erleuchteten Stuben. Der alte taube Nachtwächter schlich nur mürrisch den Hauptweg von Osterhagen hinab, tutete und rief seine Stunde und drückte sich dann auf eine Holzbank, die unter der Linde vor dem Wirthshaus stand, um von da aus, wie er immer meinte, das Dorf im Auge zu behalten. Er hatte aber weit mehr Schlaf in den Augen als das Dorf, und wußte nicht einmal recht genau, wie lange er dort gesessen haben mochte, als ihm plötzlich eine Stimme in die Ohren schrie: „Feuer!“ daß er erschreckt von seiner Bank emporfuhr.
„Herr Jeses, wo denn?“ frug er unwillkürlich.
„Seht Ihr’s denn nicht, Ihr alte Schlafmütze!“ schrie der junge Bursche wieder, der es zuerst entdeckt und den Platz genau kannte, wo er den Nachtwächter antreffen würde; — „jetzt macht Lärm, ehe es zu spät wird“, und selber die Straße hinablaufend, stieß er den gellenden Schreckensruf in die stille Nacht hinein: „Feuer! Feuer!“
Da wurde es lebendig: aus allen Häusern stürzten Menschen vor — noch auf der Straße zogen sie sich mit den rasch aufgegriffenen Kleidern an, und nach der Schreckensstätte eilten sie, um den Brand womöglich noch im Entstehen zu ersticken — aber dazu war er schon zu weit vorgerückt. Es brannte in des Schulzen Scheune, das dort aufgeschichtete Stroh hatte die Gluth erfaßt, und ehe nicht Spritzen herbeikamen, war an Löschen nicht zu denken.
Die alte Dorfspritze wurde natürlich augenblicklich aus ihrem Schuppen herausgezogen und rasselte, von der Löschmannschaft gefolgt, der Brandstelle zu. Aber lieber Gott, es war seit undenklichen Zeiten kein Feuer in Osterhagen ausgebrochen, und die Bevölkerung des Orts dadurch so sicher geworden, daß sich Niemand um die Spritze und was dazu gehörte, gekümmert hatte. Jetzt fehlte es dafür an allen Ecken und Enden, und ehe sich die Bauern, die völlig den Kopf verloren, mit ihren Eimern zu einer Kette bis zum nächsten Wasser gestellt hatten, loderten die Flammen schon so hoch empor, um jedes Versuches zu spotten, von dieser Spritze bewältigt zu werden.