Der Untersuchungsrichter schüttelte dazu sehr bedenklich mit dem Kopf; vor der Hand ließ sich aber nichts weiter in der Sache thun. Die Angeklagte leugnete eben und mußte deshalb, bis sich weitere Beweise herausstellten, in ihre Zelle abgeführt werden.

Valerie zitterte am ganzen Körper, als sie das Schreckliche vor sich sah, was sie bis dahin nicht für möglich gehalten, daß man ihr nämlich nicht auf ihr Wort glauben und sie frei lassen, sondern in das Gefängniß führen wolle. Aber kein Wort der Bitte, was ihr doch auch nichts geholfen hätte, kam über ihre Lippen; ruhig wendete sie sich ab und folgte dem Schließer, der sie, bis die Untersuchung beendet war, in eine Zelle allein führte und die Thür dann hinter ihr verschloß und doppelt verriegelte.

Vor allen Dingen wurde jetzt an Ort und Stelle der Thatbestand aufgenommen, und da stellte sich denn allerdings heraus, daß das Feuer nicht gut konnte aus Fahrlässigkeit entstanden sein, sondern daß eine absichtliche Brandstiftung als alleinige Ursache angenommen werden mußte. Der Brand war nämlich nicht im Wohnhause oder der Küche, sondern in einer abgelegenen Scheune ausgekommen, die nur durch einen, an dem Tag gar nicht betretenen Holzschuppen mit dem übrigen Gehöft in Verbindung stand. Man hatte sogar, als es heller Tag wurde, noch ein Packet mit Schwefelhölzern, gar nicht weit von jener Stelle entfernt, im Gras gefunden, das der Brandstifter jedenfalls dort verloren haben mußte. Dieser Platz lag auch so abseits von dem eigentlichen Hauptweg des Dorfes, daß man recht gut und unbemerkt von irgend einer Seite dahin gelangen konnte, sodaß der Thäter kaum zu fürchten brauchte, gestört zu werden. Deshalb wurde das Feuer auch in der That nicht eher entdeckt, bis die Flamme schon das in der Scheune aufgeschichtete Stroh ergriffen hatte und hoch emporloderte; und dann fraß es so rasch und mit so wilder Gier um sich, daß an augenblickliche Hülfe nicht zu denken war.

Des Schulzen erster Verdacht — obgleich sich die Frau nicht davon abbringen ließ, daß es niemand Anders als ihr weggejagter Dienstbote, die Falleri, gewesen sein könne — fiel allerdings auf den alten Bänkelsänger, der Ursache genug hatte, ihn zu hassen, und dem er eine derartige Rache auch schon zutraute. Brenner aber lag, als nach ihm geschickt wurde, so von Gliederschmerzen geplagt im Bett, daß er sich nicht rühren konnte, und die Aussage der Frau Kunze, die ihm vorher seine Suppe gebracht, und ihn, gleich wie sie nur den ersten Feuerlärm gehört, geweckt hatte, bewies ein so vollständiges Alibi, um jeden Verdacht vollständig zu entkräften.

Es blieb also Niemand, der die That begangen haben konnte, als eben die Gemeinde-Waise; und einer von des Schulzen Knechten sagte jetzt sogar gegen sie aus: daß er das Mädchen, wohl anderthalb Stunden später, als sie ihr Haus verlassen habe, und schon bei vollständig angebrochener Dunkelheit noch im Dorf gesehen, aber weiter nicht auf sie geachtet habe. Sie sei nur an der andern Seite der Straße gegangen, und es ihm fast so vorgekommen, als ob sie nicht mit ihm zusammentreffen wolle. Weshalb brauchte sie das aber zu scheuen, wenn sie ein reines Gewissen hatte?

Des Schulzen Frau trat als andere Zeugin gegen sie auf, oder erbot sich wenigstens dazu, und erklärte dem herausgekommenen Polizeibeamten, daß diese Falleri das nichtsnutzigste, verstockteste Geschöpf sei, das sie in ihrem ganzen Leben gesehen. Wie viel Gutes hätte sie und ihr Mann der „Creatur“ gethan, und was sei ihr Dank dafür gewesen? — nie auch nur einmal ein freundlicher Blick oder ein vergnügtes Gesicht. Mürrisch und verdrossen sei sie fortwährend im Haus herumgegangen, nie wäre ein Wort aus ihr heraus zu bringen gewesen, und stundenlang habe sie vor sich hingebrütet und ihre bösen Streiche ausgeheckt. Die hätte es hinter den Ohren, das wäre die Rechte, und es sollte sie nun auch gar nicht wundern, wenn sie Stein und Bein leugnete und so unschuldig thäte wie ein neugebornes Lamm.

Der Polizeibeamte befragte jetzt auch noch die übrigen Dienstboten im Hause des Schulzen, konnte aber von diesen eben nichts besonders Gravirendes erfahren. Sie sagten allerdings Alle aus, daß die Falleri immer still und in sich gekehrt gewesen wäre, und Niemand erinnerte sich, daß sie je gelacht hätte, aber für bös hatten sie sie nie gehalten. Sie war gefällig, wo sie nur immer konnte, auch nie klatschig oder zänkisch gewesen, und eigentlich schien es den Leuten, bei etwas kälterem Blut, leid zu thun, daß sie sich, im Zorn vielleicht, der letzt erfahrenen Mishandlung wegen, so weit vergangen haben sollte.

Von da ging dann der Beamte zu Baumstetter’s hinüber, wo er freilich nur das Beste über das Mädchen hörte — damals freilich war sie ja aber auch noch fast ein Kind. Nur ihr verschlossenes Benehmen rügten sie ebenso wie des Schulzen Frau.

Dann, um nichts zu versäumen, zog er auch im Gemeinde-Haus Erkundigungen ein, und die „alte Kunzen“ meinte, als sie von dem Verdacht hörte, der auf dem Mädchen lastete: „Na ja, Der habe ich es schon lange prophezeit, daß sie es noch einmal zu so was bringen würde, denn das ist ein schlechtes, undankbares Geschöpf und verdient die Brotkruste nicht, die sie kriegt.“ Etwas Bestimmtes wußte sie aber auch nicht über Valerie anzugeben.