„Wie heißt Du, Kind?“
„Valerie“, erwiederte das junge Mädchen scheu, und die Alte schüttelte ganz erstaunt wieder den Kopf.
„Wer hat nur je in aller Welt davon gehört, daß Aeltern ein Kind Falleri getauft hätten? Falleri fallera singen die Kerle draußen, wenn sie was im Kopfe haben, und das muß ein komischer Pfarrer gewesen sein, der den Namen in sein Kirchenbuch geschrieben hat. — Aber das schadet nichts, Kind“, setzte sie beruhigend hinzu, „er klingt wenigstens lustig, und was Lustiges können wir in dem Elend hier gebrauchen, Schatz, das weiß der allmächtige Gott.“
Valerie sah scheu zu ihr hinüber; die Alte nickte so heftig und unheimlich mit dem Kopf und sah dabei so stier vor sich hin, daß sie sich ordentlich vor ihr zu fürchten begann; aber die Frau Kunze — wie sie mit Namen hieß — war nur einmal wieder in ihre alten Erinnerungen hinein gerathen, in ihre Jugendjahre, wo sie auch bei fremden Leuten gedient, dann mit dem Schullehrer des Dorfes ein Verhältniß angesponnen, der sie zuletzt hatte heirathen müssen, dann die ganze Jammerzeit ihrer Ehe hindurch in Noth und Kummer hinlebend mit fünf Kindern, die sie alle, eines nach dem andern, begraben mußte, zuletzt mit dem Bescheid des Oberconsistoriums, der ihren Mann noch in seiner besten Lebenszeit emeritirte; dann das Elend nachher und zuletzt der Tod des Gatten, der sie, mit ihrer Pension von achtzehn Thalern jährlich, auf das Gemeinde-Armenhaus anwies, als letzte Zuflucht. Wenn sie das Alles aber bedachte, kam ihr immer der wunderliche Gedanke, wie es denn möglich sei, daß der liebe Gott Menschen auf die Erde setzen könne, denen er auch nicht ein einziges Jahr, ja keinen Tag, keine Stunde des Glückes gebe, und die ihr Dasein in Jammer und Leid bis zum Grabe fortschleppen müßten, und daß sie dabei nicht freundlich aussehen konnte, ließ sich denken.
Aber das Grübeln allein half ihr nichts; das hatte sie das ganze Jahr hindurch alle und alle Tage, und die halben Nächte dazu; es wurde Zeit, daß sie etwas zu essen bekamen, und sie sagte deshalb:
„Komm, Kind, das nützt Alles nichts — das Grübeln bringt uns nicht weiter und der Kopf wird Einem nur schwer und das Herz auch. — Sieh Dich ein bischen in der Küche um — ich zeige Dir, wo Alles steht, und mach’ Feuer an, daß wir wenigstens ein paar Kartoffeln bekommen — weiter gibt’s nichts, außer Sonntags, da kriegen wir Fleisch — oder manchmal auch keins, wenn es Hirsebrei setzt. Du wirst so jetzt für die Küche sorgen müssen, denn meine alten Knochen wollen nicht mehr recht fort, und es wird auch wohl Zeit, daß ich mich zur Ruhe setze, denn eine Hülfe im Haus hat’s mir noch nie abgeworfen. So alt ich bin, ich habe nur immer mir selber und anderen Menschen helfen müssen.“
Die Alte murmelte noch immer fort einzelne Worte vor sich hin, stand aber doch jetzt selber auf, um dem Kind seinen neuen Wirkungskreis zu zeigen und die bisher gethane Arbeit auf dessen Schultern zu legen.
Valerie folgte ihr willenlos in die Küche und begriff bald die Behandlung des sehr einfachen Kochherdes, versprach auch, das Geschirr immer hübsch rein und sauber zu halten, was die alte Frau, wie sie selber eingestand, in der letzten Zeit etwas vernachlässigt hatte. Du lieber Gott, „es ging eben nicht mehr recht, und man konnte es nicht verlangen“.
Der blinde Schuster war indessen auch schon ungeduldig geworden, machte seine Stubenthür auf und fluchte — obgleich er sonst nur immer Psalmen sang, — auf gotteslästerliche Weise heraus, was denn das wäre, ob nicht bald Feuer angemacht würde, und sie heute etwa gar nichts zu essen haben sollten.