„Du warst im Irrthum, Glentek,“ sagte er, aufstehend und freundlich seine Schulter berührend, „als du das Land in Waffen wähntest. Es ist tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir auch noch ein anderer deinen Namen – deine Schuld. Tritt hier hinein und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und dann geh' hinunter zum Strand. – Gerade dem Wrack gegenüber, das an der Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.“

Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ, war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit leiser, aber fest entschlossener Stimme: „Ich bleibe hier!“

„Unglücklicher!“ schrie aber der Gusti, „willst du denn muthwillig in dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es wollte, könnte dich nicht schützen.“

„Das sollst du auch nicht, Gusti!“ sagte da der Jüngling plötzlich, und ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen. „Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich verkauft – verrathen!“

„Wahnsinniger!“ rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. „Du wirst dich selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür gehört.“

„Zurück von mir!“ schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes wildes Feuer zu glühen schien. – „Zurück! – Den Häschern überliefern? – Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung ist! Uhi!“ schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die Schultern und Stirn umflatterten. – „Uhi! Glentek ist frei, aus den Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt hinaus in's Freie – uhi! Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die feigen Schurken, die dich verrathen haben? – Ich komme, ich komme dich zu rächen!“

Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten Radotan in der Faust. – „Da und da!“ schrie er, nach links und rechts hinüberstoßend, „habt ihr Stahl – theilt euch drein, uhi!“ Und wie die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.

Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok, Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie möglich zu tödten suchen – wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des Unglücklichen, den er erfaßt hat.

„Amok, Amok!“ schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich, die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser, deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.

Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig rissen.