Hall und Jack wurden von mehreren Seiten aufgefordert, mit nach »der Welt Ende«, oder dem sogenannten Louisens Creek zu gehen, wo das Gold »obenauf« liegen sollte, sie waren aber vorsichtig genug, sich nicht überreden zu lassen, und blieben ruhig bei ihrer einmal begonnenen Arbeit. Der achtjährige Knabe konnte ihnen dabei auch insofern behülflich sein, daß er Wasser auf die Maschine schöpfte, und die Frauen kochten im Zelt und wuschen ihre Sachen. Dafür hatte Hall mit seiner Familie zwei Theile von dem Gold, was sie fanden, und Jack einen.
Das war auch ungefähr gleich genug vertheilt, die Provisionen trugen sie aber in gleicher Hälfte und – dagegen hätte Jack schon lange protestirt, wenn er sich nicht eben mit dem Gedanken tröstete, ja darin sogar eine Art Wohlbehagen fand, daß er seinen und Jane's Theil der Provisionen bezahlte, während der Alte für sich und seine Frau beisteuerte. Da Jack nichts dagegen einwandte, war Hall natürlich vollkommen damit zufrieden, und die Sache blieb wie sie begonnen war.
Hall merkte dabei recht gut, daß Jack besonders Jane zu Liebe so treu bei ihm aushielt, so fleißig arbeitete und manches kleine Opfer brachte, was ihm sonst sicherlich nicht eingefallen wäre; er ließ sich aber nichts merken und schien, wenn er es merkte, auch gar nichts dagegen zu haben. Jane konnte es ebenfalls nicht verborgen bleiben, und Frauen haben ja außerdem ein weit schärferes Auge für solch kleine Züge von Aufmerksamkeit, die sie recht gut zu deuten wissen. Wenn sie ihn aber auch nicht gerade aufmunterte, war sie doch immer freundlich gegen ihn, und beim Essen sein Platz neben ihr gedeckt – und sie hatte das selber anzuordnen gehabt. Jack wußte gewiß, daß er ihr auch nicht ganz gleichgültig sei, und er dachte oft im Stillen, »wenn er hier oben in den Minen am Ende auch keine Schätze finde, habe er doch vielleicht einen Schatz gefunden.«
So arbeiteten sie etwa vierzehn Tage länger, und was sie über die Diggings von der »Welt Ende« gedacht, schien in Erfüllung zu gehen. Die Sache war größtentheils Humbug gewesen, denn wenn sich auch Gold dort fand, so bestand der kleine Creek, den sie Louisen-Creek nannten, nur, wie die meisten Gewässer Australiens, selbst jetzt, mitten in der Regenzeit, aus einer Reihe von Waserlöchern, die durch die Maschinen in kurzer Zeit in Schlamm verwandelt wurden. Außerdem waren die Stellen auch lange nicht so reich wie man gewähnt hatte, und von den sechs bis siebenhundert Personen, die den Turon allein nach den ersten Gerüchten verlassen hatten, kamen schon Massen wieder hierher zurück. Jack hörte sagen, von sehr vielen, die schon vollkommen genug von den Minen überhaupt hatten, und ganz und gar nach Sidney zurückgekehrt waren.
Das Wetter fing jetzt auch hier oben an höchst traurig einzusetzen; Schnee und Regen wechselten mit einander ab, der kleine Fluß stieg und vertrieb viele von ihren Arbeitsplätzen; es wurde ingrimmig kalt und Provisionen stiegen der fast unfahrbar gewordenen Straßen wegen zu einer hier noch nicht gekannten Höhe. Sehr viele verließen, durch stets neue Täuschungen endlich doch entmuthigt, die Minen, wo sie das keineswegs gefunden hatten, was ihnen, mit den Zeitungsberichten zusammen, ihre eigene Phantasie vorgespiegelt, Hunderte aber kamen an ihrer Stelle wieder dafür herauf und warfen sich mit Todesverachtung in die verlassenen Gruben.
Dabei tauchten unaufhörlich andere Gerüchte von neu entdeckten Minen bald hier, bald dort auf, und hielten die Unzufriedenen stets in einer gewissen wohlthätigen Aufregung, so daß diese nie wußten, nach welcher Seite sie sich zuerst hinwenden sollten, das flüchtige Glück bei den Haaren zu fassen und endlich einmal festzuhalten – und immer und immer wieder wollte es nicht gelingen.
Hall und Jack hatten indessen ruhig in ihrem Claim fortgearbeitet, und wenn auch noch gerade ihr Glück nicht gemacht, doch so viel gefunden, daß sie ihre Arbeit gut bezahlt bekamen und zufrieden sein konnten. Von allen Seiten drängten aber frische Goldwäscher heran, und sie bekamen ordentlich zu thun, ihren eigenen Claim zu behaupten, den ihnen der Commissär schon zweimal gesucht hatte zu schmälern, aber immer glücklich zurückgeschlagen war. Eine Menge von den erst heraufgekommenen Neulingen konnte gar keinen Platz finden, und versuchte erst allerlei unnützliche Stellen, wo sie entweder, sobald sie tief genug kamen, gleich wieder vom Wasser vertrieben wurden, oder so weit von jedem Wasser entfernt waren, daß nur ein gar nicht zu erwartend reicher Boden die Arbeit des Erdeschleppens bezahlt hätte.
Sämmtliche Goldwäscher waren übrigens fast nur Engländer, Irländer, Schotten oder hier geborne Australier. Außer diesen arbeiteten noch hie und da Deutsche, aber doch nur sehr zerstreut, und dann und wann fand man auch einmal einen Franzosen. Am seltensten sah man Amerikaner hier, und die wenigen, die sich ja hierher verloren hatten, sollten bald den Platz für sich zu warm finden.
Um diese Zeit kamen nämlich gerade die Gerüchte von San Francisco nach Australien über das Lynchen einiger »Sidney-Coves«, und die Leute hier hörten zu ihrer unbeschreiblichen Entrüstung, welchen Ruf sie dort genossen, und wie die Männer von Sidney in Californien alle über einen Kamm geschoren wurden. Des armen Capitän Harris Bericht, der seine Behandlung in australischen Zeitungen gar nicht kläglich genug schildern konnte, fiel auf fruchtbaren Boden, und wenn Flüche und Schimpfreden die Amerikaner hätten vernichten können, es wäre nicht ein einziger von ihnen leben geblieben.
Zwei Amerikanern, die dort am Turon arbeiteten, wurde es auch bald zu heiß da oben in den Bergen, trotz Regen und Schneegestöber, und sie waren auf einmal verschwunden. Es wurde eine Zeitlang von weiter nichts als den »amerikanischen Mordthaten«, wie man sie nannte, gesprochen, und wie viel Unschuldige schon in San Francisco hingerichtet wären, und noch täglich hingerichtet würden, wenn England nicht augenblicklich eine Flotte ausrüste, und das ganze Nest mit Stumpf und Stiel ausrotte. Den einzigen Trost, den sie dabei hatten, war der, daß es von selber zweimal abgebrannt war. Darüber war man aber ebenfalls vollkommen einig, daß die californischen Minen den australischen nicht das Wasser reichen konnten, und sie freuten sich jetzt nur auf die Zeit, wo die Amerikaner zu ihnen herüberkommen müßten.