Wieder hoben die Männer seufzend ihre Last auf und wanderten weiter, den Weg gerade zurück, den sie die letzten Stunden gekommen, als plötzlich Ned stehen blieb und mit leiser, heiserer Stimme sagte:
»Ich weiß nicht; wird mir nur auf einmal so heiß und schwül; aber die Luft hier kommt mir vor, als ob sie uns aus einem Backofen anwehte. Ein paar Mal traf mich's jetzt in den Nacken, als ob mir Jemand seinen heißen Hauch hineingeblasen.«
»Mir ist's auch schon so vorgekommen,« sagte Jones, indem er stehen blieb und sich umdrehte, aber auch augenblicklich wieder den Kopf abwandte – »da hinter uns kommt's her« – rief er dabei. »Das hat uns noch gefehlt – das ist der »heiße Wind« und nun sind wir verloren!«
Der »heiße Wind« war es allerdings, der in Australien wie der Samum der Wüste aus den heißen Sand- und Salzebenen des Inneren herausstreicht, und wohin er trifft, Schrecken und Verwüstung trägt. Die drei Unglücklichen, schon außerdem zum Tode erschöpft und halb verschmachtet, brachen fast unter der neuen Last zusammen, und wie sie sich auch mühten vorwärts zu kommen, versagten ihnen zuletzt die erschöpften Glieder den Dienst. Jones blieb zuerst liegen und rief den Anderen zu, sich zu retten, er könne nicht weiter und wolle dort sterben, wo er liege. Ned drang darauf, noch weiter zu gehen – sie könnten nicht mehr so weit von Hülfe entfernt sein, und wenn sie hier blieben, wäre ihr Verderben gewiß.
Bob machte jetzt den Vorschlag, ihr Gold, eine kleine Quantität abgerechnet, die sie recht gut mitnehmen könnten, hier zu verstecken, die Bäume dann in der Nachbarschaft zu bezeichnen, und wie sie gingen, dann und wann ein Stück Rinde von einem Baum abzuschälen. Er hatte einmal gelesen, daß es amerikanische Jäger so gemacht hätten, ihre vergrabenen Biberfelle wiederzufinden. Seine beiden Kameraden wollten sich aber nicht dazu verstehen, ihren Schatz im Stich zu lassen. Das Gold brachten sie schon noch fort, aber das andere Gepäck mit den Decken mochten sie nicht länger schleppen. Die Hitze wurde dabei immer drückender, und sie legten jetzt Alles unter einen der Bäume, legten Steine darauf, daß es der Wind nicht fortwehen konnte, und bezeichneten die benachbarten Bäume mit ihren Messern. Jones hatte sich indessen durch die kurze Rast auch wieder so weit erholt, daß er wenigstens vorwärts konnte, und an Gepäck leichter, glaubte er schon mit fortzukommen. Aber immer glühender wurde die Hitze, immer steiler und steiniger ihr Pfad, und der Steuermann, der die letzte halbe Stunde kaum hatte mit den beiden anderen gleichen Schritt halten können, griff plötzlich den bis jetzt sorgfältig im Arm gehaltenen Sack mit Gold auf, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn von sich, so weit er konnte.
»Teufelsgold!« schrie er dabei mit heiserer, fast röchelnder Stimme, »da lieg und faule, und möge der Erste, der dich findet und aufhebt, über dir verderben und verrotten. Fort mit dem Gift – es ist kein Segen darin, und so lange wir es bei uns haben, kommen wir aus dieser Wildniß nicht hinaus, in der uns ein böser Geist in der Irre umhergeführt.«
Der Mann war ganz rasend geworden; der Schaum stand ihm vor dem Mund, die Augen glühten ihm im Kopf, und seine Glieder zitterten wie im Fieberfrost.
»Nein,« sagte aber Bob, »das geht nicht, so gerade fort in den Busch wollen wir das Gold, das wir so lange geschleppt haben, auch nicht werfen. Komm, Ned, wir machen's, wie ich vorhin gesagt habe, und der Platz hier eignet sich vortrefflich dazu. Der kleine spitze Hügel, auf dem wir uns gerade befinden, ist leicht kenntlich, wenn man je wieder in diese Nachbarschaft käme, und etwas behält jeder davon zurück.«
Er machte sich jetzt daran, seinen Vorschlag auszuführen. Während ihm Ned aber das Gold willenlos überließ, hatte sich Jones auf die Erde geworfen und heulte nach Wasser und nach Menschen wie ein wildes Thier, ja schlug und trat um sich, als ihm Bob endlich ein klein Päckchen von seinem Gold wieder einhändigen wollte. Der junge Bursche steckte es dann selber für den Gefährten ein, verscharrte das Uebrige, so gut es gehen wollte, merkte sich, wie er glaubte, die Gegend vollkommen, und schnitt dann in die benachbarten Bäume quer über den Hügel hinüber Kerben. Das beendet, wollten sie wieder aufbrechen, Jones war aber nicht von der Stelle zu bringen. Er hob sich einmal auf die Füße, brach aber wieder zusammen, stöhnte nach Wasser und barg dann das Gesicht am Boden, dem heißen Luftzug, der immer drückender über die Berge strich, Linderung abzugewinnen. Die beiden Matrosen mußten ihn endlich liegen lassen, wo er lag. Bob schnitt aber vorher mit seinem Messer eine Anzahl Gumzweige ab und deckte sie über den Unglücklichen, ihn wenigstens gegen die Strahlen der niederbrennenden Sonne zu schützen. Sobald sie Hülfe fanden, wollten sie mit Wasser hierher zurückkehren und ihn und das Gold abholen.
Hülfe – den ganzen Tag wanderten sie und keine Aussicht auf Rettung zeigte sich. Die Sonne verdunkelte sich dabei mehr und mehr. Wie ein Hehrrauch lag es über den Bergen, der heiße Staub zog in Wolken über sie hin, und das Taggestirn stand wie eine glühende, mattrothe Kugel am Firmament, bis es endlich ebenfalls verschwand – die Nacht brach an und keinen Bissen zu essen hatten sie mehr, keinen Tropfen Thau selbst, ihre brennenden, aufgesprungenen Lippen zu kühlen. Anstatt daß ihnen die Nacht dabei Kühlung brachte, wurde es eher noch heißer und drückender; sie athmeten den glühenden feinen Staub, und selbst ihre Augen brannten wie Feuer. Die Nacht lag auch Ned in einem wilden, hitzigen Fieber, und schrie in seinem tollen Traum, daß sie verfolgt würden und daß der ganze Wald in Brand stände. Sein Ruf: »Feuer! Hülfe! Rettung!« gellte in markdurchschneidenden Tönen durch den Wald, und Bob saß dabei, den Kopf an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen bedeckt und betete, daß ihn Gott nicht auch möchte wahnsinnig werden lassen.